Albert Sánchez Piñol: "Im Rausch der Stille"

Endstation Trugbilder: Reif für die Insel?


Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wir denken. Und deshalb glauben wir, dass wir denen, die wir lieben, nie ganz nah sind. Als ich mich einschiffte, kannte ich dieses grausame Gesetz bereits. Doch es gibt Wahrheiten, die unsere Beachtung verdienen, und solche, mit denen wir uns besser nicht befassen.
In der Morgendämmerung zeigte sich uns die Insel zum ersten Mal. Seit dreiunddreißig Tagen waren die Delfine unserem Schiff nicht mehr gefolgt und seit neunzehn konnte man den Dampf aus den Mündern der Besatzung sehen.
(Beginn des Romans)

"Im Rausch der Stille", so der für den deutschen Sprachraum gewählte Titel von Albert Sánchez Piñols Romanerstling, ist eines jener Bücher, die man geradezu verschlingt. Stilistisch und inhaltlich fesselnd, fasziniert der sensationelle Roman von der ersten bis zur letzten Seite.
Er entführt in die Abgeschiedenheit eines entlegenen Eilands, in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, wo Eigenbrötler nicht nur Spielbälle elementarer Naturgewalten, sondern auch ihrer höchstpersönlichen Dämonen sind.

Die Zutaten für die bekömmliche Mischung, die den "Rausch der Stille" ergibt, sind erprobte Klassiker:
Eine winzige, raue Insel gleichsam am Ende der Welt, zwei charakterlich höchst unterschiedliche Männer, ein weibliches Wesen und eine tödliche Bedrohung, die gegenständlich nicht "aus heiterem Himmel", sondern aus den Tiefen des Ozeans kommt.
Darüber, was sich im Einzelfall aus diesen simpel anmutenden Gegebenheiten entwickelt, entscheiden das Talent sowie die Fantasie des jeweiligen Schriftstellers. Was also brodelt unter der Oberfläche?
Dem 1965 in Barcelona geborenen Anthropologen Albert Sánchez Piñol gelingt es mit Bravour, Stück für Stück Gegenwart, Lebensläufe und Denkwege seiner beiden Protagonisten, die das Schicksal an einem unwirtlichen Ort auf Gedeih und Verderb zusammengeschmiedet hat, zu enthüllen, in Beziehung zueinander zu setzen, aufeinander prallen zu lassen, Naturschauspiele furios abzubilden und abwechselnd das Erzähltempo beklemmend zu steigern und spannungsgeladen zu drosseln.
Auf dem Buchumschlag der deutschen Ausgabe prangt übrigens eine Papierschleife mit der werbeträchtigen Aufschrift: "Platz 1 der spanischen Bestseller-Listen. Mehr als 100 Wochen auf der Bestseller-Liste. Übersetzt in 27 Sprachen."
Albert Sánchez Piñol erhielt für seinen im Jahr 2002 in Spanien erschienenen Debütroman den renommierten Literaturpreis "Ojo critico de narrativa".

Der Icherzähler, ein Waisenkind, ehemaliger irischer Freiheitskämpfer und Fachmann für Marinelogistik, soll ein Jahr auf einer gottverlassenen Insel im Südatlantik, die nur einmal im Jahr von einem Schiff angelaufen wird, als Wetterbeobachter zubringen. "Ich war nicht der Gefangene meiner kleinen Insel, nur der meiner Erinnerungen" und "Wollte ich in einer von Gewaltspiralen gesteuerten Welt bleiben, die das Unglück der Menschen endlos fortsetzte? Meine Antwort lautete nein, nie mehr und nirgends, und darum entschied ich mich für die Flucht in eine Welt ohne Menschen." Er will in der selbstgewählten Einsamkeit Abstand vom gefährlich närrischen Trubel Europas gewinnen.
Bei der Ankunft auf der Insel trübt nichts, bis auf die Tatsache, dass sein Vorgänger, den er ablösen soll, verschwunden zu sein scheint, die wildromantische Szenerie: Das vorgefundene Häuschen wirkt zwar ein wenig verwahrlost, genügt jedoch auf den ersten Blick den Ansprüchen.
Das zweite Bauwerk auf der Insel ist ein zur Festung ausgebauter Leuchtturm, doch dessen Bewohner, der sich als Batís Caffó vorstellt, ansonsten wortkarg und gleichgültig bis feindselig agiert, kann oder vielmehr will vorerst keinerlei Auskunft oder Hilfestellung geben.
Wie sollte der namenlos bleibende Icherzähler auch ahnen, dass allnächtlich das Grauen in Form von Scharen amphibischer Ungeheuer dem Meer entsteigt, offenbar von unbezähmbarer Gier nach Menschenfleisch getrieben?
So ist das Entsetzen groß, als sich die nächtlichen Angreifer mit voller Wucht auf das kleine Haus stürzen und der Wetterbeobachter um sein Leben kämpfen muss.

An Schlaf ist unter diesen Umständen tage- und nächtelang klarerweise nicht zu denken, denn bei Einbruch der Dunkelheit nähern sich die Bestien, und bei Tag gilt es, die Unterkunft sicherer zu machen.
Doch die Ereignisse überstürzen sich: Der Erzähler nimmt vor der Übermacht Reißaus und findet nach turbulenten Stunden und einer sonderbaren Entdeckung doch Zuflucht im Leuchtturm, mehr geduldet als willkommen.
Denn zur großen Überraschung des verhinderten Wetterbeobachters beherbergt der im Leuchtturm hausende germanische Grobian ein weibliches Exemplar der Meeresungeheuer, "Froschkerle", in der Diktion Batís Caffós, das "Maskottchen", wie er es nennt: Aneris. Diese überwiegend teilnahmslos (oder auch entrückt) erscheinende Kreatur verrichtet einfache Arbeiten und dient ihm als Lustsklavin, doch auch der Neuankömmling kann sich der sexuellen Anziehungskraft der kalthäutigen "Sirene" (nicht von ungefähr lautet die wörtliche Übersetzung des Originaltitels "Die kalte Haut"), die das Herannahen ihrer Artgenossen stets mit unheimlichem Gesang ankündigt, nicht entziehen. Ein vor dem aufbrausenden Batís Caffó (er könnte vielleicht ein Mörder sein) lange Zeit verheimlichtes Treiben nimmt seinen Lauf: "Sie machte, dass ich mir über die Lust meines Körpers bewusst wurde, indem ich ihn von mir trennte und jegliche Beziehung zwischen meiner Person und meiner Lust aufhob, die ich wahrnehmen konnte, als ob sie etwas Lebendiges wäre." und: "Ich schlief mit ihr, wann immer ich konnte."
Aneris, womöglich magischer Mittelpunkt des Geschehens, hegt übrigens keinerlei Fluchtabsichten, so interpretiert der Icherzähler ihr Verhalten: "Ich hatte mich von den Meinen losgesagt, sie von den Ihren. Das war alles. Der einzige Unterschied war, dass Aneris den Citauca (den "Ungeheuern"; Anm.) näher war als ich den Menschen."
"Und wenn ich es erst nicht recht glauben wollte, so machte sich in mir die Vorstellung breit, dass, ohne es zu wissen, sie die Zuflucht war, die ich seit meiner Flucht aus Europa gesucht hatte. Wenn ich sie nur anschaute, wenn ich sie nur berührte - in diesen Momenten gab es die Grausamkeiten des Leuchtturms nicht. Und ich stellte fest, über mich selbst erschrocken, dass es mich gar nicht interessierte, ob sie mehr oder weniger menschlich, mehr oder weniger Frau war."


Mit unzähligen Sprengladungen und enormem Munitionsverbrauch versuchen die Schicksalsgefährten, die unerbittlich angreifenden Ungeheuer auszurotten, freilich umsonst: So viele blaublütige "Froschkerle" sie auch töten, es kommen ihrer immer mehr aus dem Ozean. Die Situation eskaliert zusehends, und es scheint keinerlei Ausweg zu geben; die Insel ist ein verwüstetes Schlachtfeld.
Eine Kette von Ereignissen und Erlebnissen (z. B. trifft der Wetterbeobachter während eines Tauchgangs zu einem Schiffswrack auf harmlose, verspielte Jungungeheuer, und auch die "Sirene" verblüfft ihn durch gewisse "menschliche" Regungen) führt jedoch schließlich dazu, dass der Icherzähler sein Verhalten gegenüber den amphibischen Lebewesen ändert, sie nicht länger gedankenlos abschlachtet, missbilligend beobachtet vom "Herrn des Leuchtturms", der Nacht für Nacht seine Strategie der Verteidigung gegen die zahlenmäßig überlegene, unbewaffnete Schar fortsetzt, eben nicht aus seiner (keineswegs kalten) Haut herauskann.
Ob auf "Andersartige" oder "Ihresgleichen" geschossen wird, stellt für nicht wenige Menschen den ausschlaggebenden Unterschied dar, ob sie sich als Helden oder als Verbrecher fühlen; die (Un)Logik des Krieges.

"Im Rausch der Stille" werden große Daseinsthemen unaufdringlich, weil wohldosiert, nichtsdestoweniger tiefsinnig behandelt; (Freiheits-)Kampf, Sadismus, Mordlust und Feindbilder, Einsamkeit, Identitätszweifel und Resignation, Kommunikationsunfähigkeit.

Findet die erbitterte Auseinandersetzung ein Ende? Bewährt sich Caffós Strategie oder die des Erzählers, oder bleibt alles, wie es ist: Ein Kreislauf des Unabwendbaren, aus dem es kein Entkommen gibt, mit wechselnden Darstellern? Ist Rettung in Sicht? Wo und wie überschneiden bzw. berühren sich die Erlebniswelten von Individuen? Wo endet die Verlässlichkeit nonverbaler Verständigung, wo lauert die Falle einer Fehlinterpretation beim Umgang mit dem Unbekannten? Ist Aneris gar der Auslöser der Kämpfe?
Der außergewöhnliche Roman wartet mit teils überraschenden Antworten auf, überlässt allerdings auch vieles dem Vorstellungsvermögen des Lesers, denn die Fantasie hat - gottlob - ihre eigenen Spielregeln.

Sozusagen "im Rausch der Lektüre" keimt auch die Hoffnung, dass spätestens im Jahr 2007, wenn die Katalanische Kultur Ehrengast der Frankfurter Buchmesse ist, weitere literarische Kostbarkeiten aus dieser in vielerlei Hinsicht besonderen Region präsentiert werden mögen.

(kre; 08/2005)


Albert Sánchez Piñol: "Im Rausch der Stille"
(Originaltitel "La pell freda")
Aus dem Katalanischen von Angelika Maass.
Gebundene Ausgabe:
S. Fischer, 2005. 256 Seiten.
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Taschenbuch:
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Hörbuch (gekürzte Lesung):
Gelesen von Ben Becker.
Argon, 2005. 6 CDs, Laufzeit ca. 480 Minuten.
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Ein weiteres Buch des Autors:

"Pandora im Kongo"

Im Kongo, diesem endlosen Meer von Bäumen, geschehen seltsame Dinge. Was bedeutet das unheimliche Kreischen aus der Tiefe? Sind das die Klänge der afrikanischen Nacht? Oder der Schrei nach Vergeltung? Thomson ist "Ghostwriter" und erhält den Auftrag, Garveys Unschuld zu beweisen. Weshalb ist er angeklagt? Angeblich hat Garvey im Kongo zwei britische Aristokraten und Goldgräber umgebracht. Thomson schreibt dessen Geschichte auf - der Angeklagte muss unschuldig bleiben, unbedingt. Auf der Suche nach der Wahrheit gerät Thomson immer tiefer in Afrikas Mitte: undurchdringliche Vegetation, emotionale Verstrickungen und ein Netz endloser Lügen. (S. Fischer) zur Rezension ...
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