Wilhelm Schmid: "Philosophie der Lebenskunst"

Eine Grundlegung

Die Philosophie hat oft den Charakter einer Wissenschaft, deren Abstraktionsvermögen es zur Ehre gereicht, im Hörsaal gehört und in Gelehrtenkreisen diskutiert zu werden. Die nicht minder abstrakten Ergebnisse bieten wunderbaren Raum für theoretischen Diskurs; Fragen zur Gestaltung des eigenen Lebens als lebenswertes Leben, als Kunstwerk jenseits von ökonomischen Zwängen, treten dabei zumeist in den Hintergrund.


Die Philosophie der Lebenskunst hingegen betrachtet den Menschen in seinen täglichen Gewohnheiten, deren Studium dazu dient, das Leben besser gestalten zu können. Es sind eben jene Gewohnheiten, die dem Menschen als vertraute Nischen der Geborgenheit dienen. Schmid argumentiert, dass diese Gewohnheiten auch eingrenzen können. Indem man sich mit den Gewohnheiten auseinandersetzt, kann man sie bewerten und bewusst zur Entwicklung des Lebens benützen.

Das Wort "Lebenskünstler" ist heutzutage etwas negativ besetzt; im Allgemeinen scheint man jemanden darunter zu verstehen, der es schafft, sich durch die Unwirtlichkeiten des Lebens durchzuschummeln. Dabei war das Thema Lebenskunst von der Antike bis ins 18. Jahrhundert, wenngleich auch christlich motiviert, philosophisch bedeutsam; erst in den letzten zweihundert Jahren drängte die Philosophie zum Range einer Wissenschaft für sich, einer Fachphilosophie. Erst in den 1970er Jahren kam es zu einer Renaissance der praktischen Philosophie und damit auch der Lebenskunst.

Anregungen zum lebenswerten Leben finden sich von Diogenes und Epikur über Michel de Montaigne bis zu Foucault, dessen "Sorge um sich" auch die Sorge um die Gesellschaft bedeuten muss, da wir nicht in Isolation von der Gesellschaft leben, sondern von der Gesellschaft beeinflusst werden und durch die Gesellschaft, zumindest zum Teil, den Wert des eigenen Lebens definieren.

Am Beispiel der Lust, die ja auch ein Thema der Philosophie der Lebenskunst ist, welches schon aus der Antike herrührt, soll die Diskussion kurz beleuchtet werden, aber eben nicht aus moralischen Gründen, sondern aus lebensphilosophischen Gründen.

Dem Streben nach Lust sollte nicht unbeschränkt nachgegeben werden, da sonst, einer Droge gleich, immer größere Lust nötig ist, um dieselbe Intensität der Wirkung hervorzurufen. Durch das immer stärkere Streben nach Lust tötet man sie gleichzeitig ab, man lässt sie leerlaufen. Hier eine Balance zu wahren erfordert vom Individuum selbst, innezuhalten, zu pausieren, und über den Lustgewinn zu reflektieren. Diese Reflexion führt geradezu zu einem Lustkalkül, in dem gefragt wird: Welche Lust? Wie lange? Wann? Mit wem? In welcher Situation? In welcher Intensität? Bis zu welchem Punkt?

Epikur spricht vom Gegensatz zwischen Lust und Unlust, nicht vom unbegrenzten Streben nach Glück. Eine Grenze ist dann erreicht, wenn keine Unlust mehr da ist. Mehr als frei kann man nicht mehr sein. Diese Grenze ist die Voraussetzung für wiederholbares Glück. In unserer Gesellschaft ist das Glück immer auch vom wirtschaftlichen Erfolg abhängig; das Ziel des Glücks ist hier also maximaler Erfolg, jedoch könnte ein Ziel, so Schmid, auch Auslöschung bedeuten. So sind etwa die Figuren von Kafka dem heutigen Verständnis nach Versager; bei einer breiteren Definition des Glückszustandes als jener, die durch unsere Gesellschaft gegeben ist, kann man jedoch auch sie als glücklich sehen.

Wilhelm Schmid geht es in seiner "Philosophie der Lebenskunst", dem Ergebnis von sieben Jahren Forschung, dabei also nicht darum, konkrete Ratschläge zu geben, sondern eben um die lebensphilosophische Diskussion.

 (Marcel Grünauer; 04/2003)


Wilhelm Schmid: "Philosophie der Lebenskunst"
Suhrkamp, 2001. 566 Seiten.
ISBN 3-518-28985-3
ca. EUR 15,-.
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