Leif GW Persson: "Mörderische Idylle"
Ein
kaltblütiger Mord an der zwanzigjährigen
Polizeischülerin Linda erschüttert die
Öffentlichkeit in dem kleinen Städtchen
Waxjö in Schweden. Selten bisher mussten sich die Polizisten
des idyllischen Ortes mit Morden befassen. Der "Fall Linda", wie er
bald genannt wird, erhält auch von der Zentralen
Polizeibehörde oberste Priorität, und ein Team von
Polizisten wird aus Stockholm dorthin geschickt, um den Fall zu
lösen.
Bäckström, aus den anderen Büchern Perssons
als eigenwilliger, rassistischer und sexistischer Polizist bekannt,
wird als leitender Ermittler beauftragt. Auch andere Mitglieder seines
Teams erkennt der treue Persson-Leser wieder und zwar aus dem Buch
"Zwischen der Sehnsucht des Sommers und der Kälte des
Winters", in dem es um den bis heute nicht aufgeklärten Mord
an Olof Palme geht und mit dem Leif GW Persson nach
zwanzigjähriger Schreibpause eine sensationelle
Rückkehr feierte.
Leif GW Perssons Spezialität ist die nüchterne,
dokumentarische, oft auch richtig wissenschaftlich daherkommende
Schilderung des Polizeialltags, mit all seinen Licht- aber vor allem
auch seinen Schattenseiten. Und es gelingt ihm mit diesem Stil, das
System kritisch-solidarisch zu hinterfragen. Der im Polizeikorps
grassierende Rassismus und Sexismus, die Korruption - dafür
steht sein Kommissar Bäckström, dem niemand
wirklich Einhalt gebietet, auch als sich seine Ermittlungstaktik immer
weiter verheddert. Er bleibt ganz auf DNS-Proben fixiert und hofft,
dass ihm der Täter so ins Netz geht.
Doch seine Kollegen sind auch nicht untätig, und die
Beobachtungen einer 92-jährigen Frau führen
schlussendlich zur Festnahme von Bengt Mansson, dem Kulturbeauftragten
der Stadt Waxjö. Die Beweise sind erdrückend, doch er
schweigt.
Erdrückend sind auch die Vorgänge um
Bäckström, seine Spesenabrechnungen und der Vorwurf
der sexuellen Belästigung einer Journalistin, was den
mittlerweile zum obersten Polizeichef ernannten Lars M. Johannsen (auch
bekannt aus den anderen Büchern Perssons) dazu veranlasst,
Bäckström abzuziehen und die ebenfalls bekannten
Kommissarinnen Eva Holt und Lisa Mattei zu schicken, um Mansson zu
verhören.
Die Schilderungen dieser Verhöre sind die großen
Besonderheiten dieses Buchs. Unspektakulär, nüchtern
und dennoch höchst kritisch beschreibt Persson der
Ermittlungsalltag der Kripo sowie die inneren und
äußeren Verhältnisse, unter denen sie
arbeitet.
Leif GW Persson ist als Professor der Kriminologie und als Berater
schwedischer Regierungs- und Polizeibehörden der ausgewiesene
Kenner der Materie. Es gelingt ihm, bei aller Solidarität und
bei allem Verständnis für seine Polizistenfiguren,
mit jedem seiner ungewöhnlichen, aber absolut lesenswerten
Bücher Skandale aufzudecken und auf den zweifelhaften inneren
Zustand der Polizei hinzuweisen. Gespickt sind seine Romane weiters mit
in die Handlung eingewobenen Gesellschaftsanalysen, die Schweden als
ein Land zeigen, das sich sehr verändert hat und hinter einem
Haufen von "politischer Korrektheit" versteckt, es aber noch nicht
wahrnehmen will oder kann.
Persson Krimis sind nicht spannend im eigentlichen Sinn, sie gewinnen
ihre einzigartige Qualität aus seinem unverwechselbaren Stil.
Anspruchsvolle Krimiliteratur in der Tradition von Maj Sjöwall
und Per Wahlöö, denen der Autor das Buch auch
gewidmet hat.
(Winfried Stanzick; 03/2007)
Leif
GW Persson: "Mörderische Idylle"
(Originaltitel "Linda - som i lindamordet")
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs.
btb, 2007. 541 Seiten.
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