Claire Messud: "Des Kaisers Kinder"


Mit "Des Kaisers Kinder", ihrem vierten Roman, hat sich die in den USA lebende Tochter einer Kanadierin und eines Franzosen wohl endgültig in die Liga der wirklich zu beachtenden Schriftsteller geschrieben, nicht nur in den USA, sondern auch im deutschen Sprachraum, wo DVA nach "Familie Jäger" 2004 nun auch "Des Kaisers Kinder" verlegt.

In diesem beachtlichen Roman erzählt Claire Messud die Geschichte von drei jungen New Yorkern, alle aus wohlsituierten Verhältnissen kommend, die an der vornehmen Brown University zu Freunden wurden. Nun, ihr Studium haben sie schon längst abgeschlossen, gehen die Drei langsam auf die dreißig zu und spüren, dass es mit den großen Dingen, die sie sich dereinst vorgenommen hatten, wohl vorerst nichts werden will. Sie sind weder ihren eigenen noch den Erwartungen ihrer Eltern in irgendeiner Weise gerecht geworden.

Da ist Marina Thwaite, eine respektable Schönheit. Seit Jahren kämpft sie damit, ihr Buch, ein Werk über die Kulturgeschichte der Kinderkleidung und Kindermoden, fertigzustellen. Nachdem sie nach dem Scheitern ihrer letzten Beziehung auch ohne feste Anstellung ist, zieht sie sich in ihr altes Kinderzimmer im luxuriösen Central-Park-West-Apartment ihrer Eltern zurück. Ihr Vater, dem dieses Buchprojekt seiner Tochter schon seit langem ein Dorn im Auge ist, ist ein erfolgreicher und auch berühmter New Yorker Journalist, linksliberal und ausgesprochen intellektuell, ein Mann und Vater, von dem sich Marina einfach nicht emanzipieren kann. Er dominiert das Leben seiner Tochter, benutzt sie sozusagen als Privatsekretärin und mischt sich auch in ihr Lebensumfeld und ihren Freundeskreis permanent ein.
Marinas Freundin Danielle Minkoff will anspruchsvolle Fernsehdokumentationen drehen, hat bei ihrem Sender auch eine feste Stelle, kann sich aber mit dem Niveau ihres Arbeitgebers nicht identifizieren und bekommt nicht viel mehr an Themen durch die Redaktionskonferenz als Fettabsaugen und dergleichen. Immerhin ist es ihr gelungen, es zu einer Einzimmerwohnung mit Blick auf die Zwillingstürme zu bringen.

Und da ist noch Julius Clarke, der Freund der beiden jungen Frauen, schwul und noch weniger erfolgreich als die Zwei. Er lebt in einem regelrechten Loch und schreibt gelegentlich für die "Village Voice" elegante bis ätzende Literaturkritiken, von denen er aber nicht leben und nicht sterben kann. Keine richtige Arbeit, keine richtige Liebe, völlig unzufrieden mit ihrer Lage - das verbindet die Drei.

Es könnte langweilig sein, diesen Problemen über fast dreihundert Seiten zu folgen, aber das ist es nicht. Man folgt den Geschichten der drei jungen Menschen mit großer Anteilnahme und steigendem Lesetempo, was die ursprünglich abschreckenden 540 Seiten, die allerdings für einen us-amerikanischen Roman mittlerweile fast normal sind, rasch vergessen lässt.

Bis am 11. September 2001 die beiden Türme in sich zusammenbrechen, geschieht relativ wenig, doch genau dies ist von Claire Messud eindrucksvoll und anspruchsvoll beschrieben. Dann kommt allerdings auch das Leben der drei Protagonisten ziemlich aus dem Gleichgewicht.
Vom März bis zum November 2001 erzählt Claire Messud jeden zweiten Monat. Mit jedem Kapitelanfang geht sie sofort mitten in die Handlung hinein, jedes Mal aus einer anderen Perspektive und mit einer anderen Technik. Der Leser identifiziert sich schnell mit diesen drei gescheiterten Existenzen, spürt, wie deren Lebensmythos zerbröckelt, und ist erschüttert über die Differenz zwischen dem, was sie tatsächlich erleben, und dem, was sie glauben, erlebt zu haben.

In der Schilderung und Charakterisierung des Großintellektuellen Murray Thwaite läuft Messuds Ironie zu großer Form auf. Thwaite, ein silbermähniger Salonlöwe, der linksliberale Themen wie am Fließband produziert und veröffentlicht, ein kaltherziger Prediger menschlicher Wärme, ein lügnerischer Advokat der Aufrichtigkeit, ein bekennender Altruist und praktizierender Egoist, steht meines Erachtens für eine ganze Schicht us-amerikanischer Intellektueller, von denen es aber auch in Europa so manches lebende Beispiel gibt.

Claire Messud zeichnet mit sanfter Ironie und psychologisch sehr überzeugend das Bild einer linken New Yorker Kulturschickeria und schildert ihre Protagonisten plastisch zwischen Selbsttäuschung und Erwachsenwerden, zwischen Wahrheit und dem, was nur medial inszeniert ist.

(Winfried Stanzick; 01/2008)


Claire Messud: "Des Kaisers Kinder"
(Originaltitel "The Emperor's Children")
Deutsch von Sabine Hübner.
DVA, 2007. 542 Seiten.
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Claire Messud wurde 1960 geboren. Neben ihrer Arbeit als Schriftstellerin war sie als Journalistin und als Dozentin für "Creative Writing" tätig.