"Literarische Reise durch Persien"

Auf den Spuren von Pierre Loti, Robert Byron und Annemarie Schwarzenbach
von Frédéric Ramade & Alexandre Bailhache
aus dem Französischen von Berndadette Ott

Von der Faszination eines verlorenen Paradieses


Wie Indien und China zählt auch Persien zu den ältesten heute bekannten Zivilisationen, dessen Ursprünge bis in die Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christi Geburt zurückreichen. Im Jahre 550 vor Christus vereinte Kyros II., der Große, die alten Stämme der Perser und der Meder zu einem geschichtsmächtigen Königreich, welches erst im Jahre 330 unter dem Angriff Alexander des Großen - der Makedonierfürst wird in persischen Mythen und Illustrationen durchaus als Held der persischen Geschichte anerkannt - einer äußeren Macht erlag. Die nachfolgenden Herrscherdynastien der Seleukiden und der Parther, brachten die griechische Zivilisation ins Land. Wenige Jahre nach dem Tod Mohammeds 632 nach Christus stießen die Araber in den Iran vor um sodann Volk und Land den Stempel des Islam aufzudrücken. Doch trotz der starken arabischen Einflüsse blieben viele frühere kulturelle Prägungen erhalten. So blieb beispielsweise die persische Sprache in Satzbau und Grammatik weiterhin der indo-europäischen Sprachfamilie verhaftet. Auch sind die Iraner bis heute mehrheitlich schiitischer Religionszugehörigkeit. Zwar berufen sich die Schiiten mit dem Koran auf denselben heiligen Text und den gleichen Propheten wie die Sunniten, doch es gibt zwischen beiden Richtungen gravierende Unterschiede, die im Laufe der Geschichte nicht nur einmal zu blutigen Konflikten zwischen den Glaubensrichtungen führten. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts begann sich Persien gegenüber der Welt zu öffnen. Eine so genannte konstitutionelle Revolution fand im Jahr 1906 statt und führte zum ersten Parlament, das sich aus Mitgliedern der wichtigsten Adelsfamilien und schiitischen Geistlichen zusammensetzte. 1921 ging die Regierungsgewalt in die Hände des Despoten Reza Khan über, der den amtlichen Namen des Landes im Jahre 1934 in Iran abänderte. Reza Khan, ein Offizier niedrigen Ranges, der kaum lesen und schreiben konnte und an der Spitze einer russischen Kosakenbrigade die Herrschaft im Handstreich übernahm, begründete die bis schließlich letzte persische Herrscherdynastie, jene der Pahlawi. 1979 wurden die Pahlawi, welche sich als Modernisierer verstanden, durch eine von Geistlichen angeführten reaktionäre Volksbewegung vom Thron gestürzt. Es konstituierte sich eine neue staatliche Macht, die von den religiösen Führern kontrolliert und streng auf den Koran verpflichtet wurde: die Islamische Republik Iran. Diese islamische Klerikalrepublik, mit einem demokratisch gewählten Parlament, währt bis zum heutigen Tag und wird von der gegenwärtigen US-amerikanischen Administration unter Präsident Georg W. Bush als Schurkenstaat beurteilt, was als militärische Drohgebärde der einzigen globalen Supermacht zu verstehen ist.

Persien mit seinen Zeugnissen einer alten Hochkultur und archaischen Völkerschaften auf seinem Staatsgebiet erweckt zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Interesse europäischer Schriftsteller, die letztlich nicht die Strapazen scheuen um der Faszination einer märchenhaften Wirklichkeit angesichts zu werden. Der erste Schriftsteller, dessen Reise nach Persien nachgezeichnet wird, ist der französische Offizier und Lebemann Pierre Loti, welcher um 1900 Persien betritt. Ihm folgen im Jahre 1933 ein junger Forscher namens Robert Byron, der in seinem Reisebericht eindrucksvoll die Suche nach den Ursprüngen der islamischen Architektur wiedergibt, und, wenige Monate darauf, die Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach, die vor der eigenen Familie in die Zauberwelt des Orients als ihr inneres Exil flüchtet. Der Leser begleitet die Reisenden aus Europa auf ihren Pfaden durch eine überwältigende Naturlandschaft, welche die eigene Zerrissenheit lindert (so Schwarzenbach) und selbst noch den Ästheten mit strengen Maßstäben (Byron) zufrieden stellt. Prachtvolle Bilder von Hochkultur wie Volkskultur Persiens verbildlichen jene Welt zu der Byron demütig feststellt: "Ich bin von Persien inzwischen so fasziniert, dass ich nicht wieder abreisen möchte." Und auch der Leser will sich dieser Bilderflut kaum mehr entziehen, welche ihm die Faszination eines verlorenen Paradieses vorgaukelt, das wohl gewiss nie wirklich war, doch umso mehr betört, als dass es bloße Vorstellung ist. "Was die islamische Kunst betrifft, so lassen die Bauten hier den faden Nachgeschmack der Alhambra und des Taj Mahal vergessen.", begeistert sich Byron, der nach der Beschreibung seiner Reisegefährten in ruheloser Verzückung von einem Minarett zur nächsten Moschee zu rasen schien. Und auch die Naturschönheit Persiens hatte es dem architekturbegeisterten Reisenden angetan: "Während die untergehende Sonne grelle, kupferrote Streifen auf den sandgesättigten Himmel zeichnet, versammeln sich alle Vögel Persiens zu einem letzten vielstimmigen Gesang."

Wer sich nun nicht mehr halten kann, all die Pracht, von der er gelesen und gesehen hat mit eigenen Augen zu beweiden, dem mag eine kurze abschließende Reiseinformation für sein beabsichtigtes Abenteuer zweckdienlich sein. Der Iran ist heute selbst für Individualtouristen durchaus zugänglich, wenn auch für die Einreise ein Transitvisum erforderlich ist. Wie es in diesem gastfreundlichen Land um Unterkünfte, Kulinarisches, Klima, Kaufmöglichkeiten und die Kunst der Aufnahme bestellt ist, wird dem interessierten Leser genauso vermittelt wie die unbedingt zu beachtenden Gesetze des Koran. Dem ist dann nur noch ein: Gute Reise! hinzuzufügen. Lassen sie sich diesen literarischen Augenschmaus als Einstimmung auf ihre bald schon fällige Iran-Expedition nicht entgehen.

(Harald Schulz; 2/2002)


"Literarische Reise durch Persien"
Knesebeck-Verlag. Bildband, 165 Seiten.
ISBN 3-89660-077-X.