Åsa Larsson: "Der schwarze Steg"
"Können
Sie sich erinnern? Rebecka Martinsson sah ihren toten
Freund in Poikkijärvi im Kies liegen. Und die Welt brach
zusammen. Rebecka musste festgehalten werden, sonst wäre sie
in den Fluss gesprungen. Dies ist das dritte Buch."
So beginnt Åsa
Larsson ihren neuen Roman um die Stockholmer Anwältin Rebecka
Martinsson und verschafft damit Neueinsteigern in diese wirklich
beachtenswerte Krimiserie einen guten Anschluss an die beiden ersten
Romane "Sonnensturm" und "Weiße
Nacht".
Rebecka Martinsson hat einen mehrmonatigen Aufenthalt in einer
psychiatrischen Klinik recht gut überstanden und bekommt von
Oberstaatsanwalt Alf Björnfot ein Stellenangebot als
stellvertretende Staatsanwältin, weil er in seinem Bezirk im
hohen Norden Schwedens jemanden braucht, der sich mit
Wirtschaftskriminalität auskennt. Alf Björnfot
arbeitet eng mit den Kommissaren Anna Maria Mella und Sven-Erik
Stalnacke zusammen, die schon in den ersten beiden Romanen
maßgeblich an der Lösung der jeweiligen
Fälle beteiligt waren. Und es dauert nach der Anstellung
Rebecka Martinssons, die ins Haus ihrer Großmutter gezogen
ist und völlig in ihrer Arbeit aufgeht, um all die
dramatischen Erlebnisse der letzten Jahre und ihr unglückliche
Liebe zu ihrem ehemaligen Chef zu vergessen, nicht lange, bis sie und
die beiden Polizisten mit einem neuen Fall konfrontiert werden.
Am zugefrorenen Fluss wurde die Leiche einer Frau gefunden. Die Frau
wurde ermordet,
und nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass es sich um Inna Wattrang
handelt, eine leitende Angestellte bei "Kallis Mining".
"Kallis Mining" wurde von Mauris Kallis vor vielen Jahren
gegründet, und seine erfolgreiche Grubengesellschaft operiert
mittlerweile weltweit, vor allen Dingen aber in afrikanischen
Ländern, vorzugsweise mit Diktatoren an der Staatsspitze.
Åsa Larsson gelingt es nun in diesem spannenden und
psychologisch hintergründigen Buch, mehrere Geschichten
gleichzeitig zu erzählen, wobei sie jeweils eine aktuelle
Erzählperspektive hat, die das fortlaufende, sich zuspitzende
Geschehen der Gegenwart schildert, und einen dokumentarischen Blick in
die Vergangenheit der einzelnen Hauptpersonen, der, sensibel und von
großer Menschenkenntnis zeugend, den Weg der jeweiligen
Menschen verständlich machen will.
Und so erfährt man weitere Details aus der Lebensgeschichte
Rebecka Martinssons, der sympathische Polizist Sven-Erik Stalnacke
kommt dem Leser als Mensch mit schwerer persönlicher
Geschichte näher, und auch der familiäre Hintergrund
von Anna Maria Mella wird noch transparenter als in den beiden ersten
Büchern.
So, wie Åsa Larsson ihre Reihe angelegt hat, (sie spricht im
Nachwort von insgesamt sechs Bänden, die sie geplant hat),
wird man über diese drei Menschen in der zweiten
Hälfte ihrer absolut lesenwerten Serie noch mehr erfahren Doch
die Autorin blendet
ebenfalls in die Lebensgeschichte von Mauris Kallis und seiner
Schwester Ester zurück, auch der soziale Hintergrund des
zweiten in die Handlung eingebundenen Geschwisterpaares, Inna und Diddi
Wattrang, wird ausführlich beleuchtet.
Es stellt sich heraus, dass der Mordfall Inna Watrang nur die Spitze
eines Eisbergs darstellt, und vor den Augen der Ermittler
öffnen sich politische Zusammenhänge, die bis in die
Innenpolitik einiger afrikanischer Länder reichen. Es geht um
Rohstoffe,
Marktpreise, Schürfrechte, Geld und immer wieder um
Macht.
Dazwischen erzählt Åsa Larsson von den Gedanken und
Gefühlen ihrer Hauptperson Rebecka, einer Frau mit einer
dramatischen Geschichte, die der treue Leser der Reihe aus den ersten
beiden Büchern kennt, zu der die Autorin aber immer noch
weitere, bisher unbekannte biografische Bausteine hinzufügt.
Es ist ein Wunder, dass diese Frau noch Gefühle der Liebe
spüren kann. Doch sie tut es. Ihre Gedanken können
nicht von Mans, ihrem ehemaligen Chef in der Stockholmer Kanzlei,
lassen, der seinerseits den Kontakt zu Rebecka nicht abbrechen
lässt. Insofern ist dieser dritte Band der Reihe nicht nur
ähnlich spannend geschrieben mit einem dramatischen
Höhepunkt auf Leben und Tod, in den dieses Mal aber nur Anna
Maria Mella und Sven-Erik Stalnacke verwickelt sind, sondern er ist
auch die zarte Geschichte einer Liebe, die über die Jahre und
durch schwerste psychische Zerstörungen hindurch langsam
wächst.
Auf den nächsten Band dieser Reihe darf man gespannt sein.
Åsa Larsson ist eine ganz außergewöhnliche
Schriftstellerin, die keinem anderen ihrer schwedischen Kollegen
gleicht. Sie kann spannende Kriminalgeschichten mit
eindrücklichen Milieustudien und psychologischen Beobachtungen
so verbinden, dass man zeitweise beim Lesen vergisst, sich in einem
Krimi
zu befinden.
(Winfried Stanzick; 09/2007)
Åsa
Larsson: "Der schwarze Steg"
(Originaltitel "Svart Stig")
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs.
C. Bertelsmann, 2007. 413 Seiten.
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