Joachim Bauer: "Prinzip Menschlichkeit"
Warum wir von Natur aus kooperieren
Mitmenschliche
Zwischenmenschlichkeit
Miteinander kooperieren, Netzwerke aufbauen, Beziehungen gestalten,
Partnerschaften leben, ...
Joachim Bauer macht in seinem Buch deutlich, warum diese auf
Gemeinschaft ausgerichteten Verhaltensweisen für das
Überleben der Menschheit so wichtig sind. Er stellt sich damit
geradewegs gegen die Vorstellung, dass alleine der Kampf ums
Überleben, das Durchsetzen des Einzelnen in der Konkurrenz mit
Anderen den Fortbestand der Menschen sichert. Vielmehr seien die
Menschen nach neuesten neurobiologischen Forschungserkenntnissen "auf
soziale Resonanz und Kooperation angelegte Wesen" (S. 21).
Die Abstammungslehre nach Charles Darwin sei zwar vom Grunde auf nicht
in Frage zu stellen. Die davon ausgehende Ableitung aber, dass der
Grund für die "Auslese" der nackte Kampf ums
Überleben sei, ist so nicht richtig.
Der Mediziner und Psychotherapeut Joachim Bauer stellt für
seine These zahlreiche Forschungsergebnisse und Literaturstudien
bereit, die seine Vorstellungen belegen.
Eine große Anzahl vielfach unbekannter Experimente
und wissenschaftlicher Untersuchungen (vor allem aus den Bereichen der
Neurobiologie, Medizin und Verhaltensforschung) werden leicht
verständlich zusammenfassend beschrieben und souverän
analysiert. So erfährt der Leser sehr viel über die
Bedeutung von Neurotransmittern, Genen und Hormonen in Zusammenhang mit
der Fortentwicklung der Menschheit. Die Motivation zum
Überleben komme nicht allein aus dem Überlebenswunsch
heraus, sondern würde insbesondere durch zwischenmenschliche
Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung erfolgen.
So schlussfolgert Bauer, dass derjenige, welcher andere Menschen
motivieren wolle, ihnen vor allem die Chance geben müsse, mit
anderen zu kooperieren und Beziehungen zu gestalten.
In eigenen Abschnitten befasst sich Joachim Bauer intensiv mit der
Bindungsforschung und den Erkenntnissen aus Untersuchungen
über Trennungs- und Trauma-Erfahrungen in jungen Lebensjahren.
In einem anderen Kapitel geht es um die gesellschaftliche Bedeutung der
darwinschen Erkenntnisse im Zeitraum 1870 bis 1930. Hier ist auch eine
besondere Stärke des Buches, dass Bauer überzeugend
darlegt, warum sich der "Kampf ums Überleben" als Maxime des
Darwinismus oftmals so unreflektiert in das kollektive
Gedächtnis eingegraben hat. Die tragischen Ergebnisse vor, in
und nach der Zeit des Nationalsozialismus reißt der Autor
wegweisend an, so dass man sich eine ausreichende Vorstellung davon
machen kann, wie eine nicht gänzlich belegte Anschauung (oder
ein Teil von ihr) fatale Auswirkungen haben kann. Schließlich
stellt Joachim Bauer fünf Kriterien auf, die für
gelingende Kooperationen unerlässlich sind:
- Sehen und Gesehenwerden
- Gemeinsame Aufmerksamkeit
- Emotionale Resonanz
- Gemeinsames Handeln
- Verstehen von Motiven und Absichten
Mit entsprechender "Wechselseitigkeit bzw. Komplementarität"
(S.194) könnten dann die Beziehungen gelingen. Im letzten Teil
seines Buches geht der Autor anschließend auf die
gesellschaftliche Bedeutung von Kooperation in der heutigen
Gesellschaft ein. So erörtert er, wie man seine
Ausführungen im Bereich Bildung, Freizeit und Beruf nutzen
kann.
Im Gesamten ist das Buch sehr gut verständlich geschrieben,
und man erhält einen tiefen Einblick in die Welt der
wissenschaftlichen Forschung auf dem Gebiet von
Genen, Hormonen und
vielen körperlichen Prozessen. Detailliertere Erkenntnisse
erhält man aus den Untertexten der Seiten. Die Anmerkungen
erläutern den allgemeinen Text in sehr differenzierter Weise.
Die Ausführungen Joachim Bauers sind gut nachvollziehbar und
durch eine reiche Palette an Beispielen aufgelockert. Grafiken fehlen
zum großen Teil, was die Verständlichkeit in einigen
Passagen erschwert. Die Berufung auf die Forschungsergebnisse des
Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen erscheint mir aber
zu kurz gegriffen. Gerade die Ausführungen zur Kooperation
zeigen, wie bedeutsam die Zwischenmenschlichkeit ist. Hier nur auf den
Medienkonsum Jugendlicher abzuzielen verdeckt die Tatsache, dass viele
Eltern aus vielfältigen Gründen heraus daran
gehindert werden, "mitmenschlich" zu sein. Lange Arbeitswege,
flexibilisierte Arbeitszeiten, Entwurzelung, allgemeine
pädagogische Verunsicherungen erschweren vielfach eine
"Resonanz" für die jungen Menschen. Ein weiterer
Recherchenschwachpunkt ist die Darstellung, dass der
"Mordschütze an einer Erfurter Schule" im Strafvollzug
gelandet sei (S. 215). Hier ist zumindest die Ausdrucksweise
irritierend. Bei der verwendeten Literatur fallen die starke Bezugnahme
auf englischsprachige Titel ebenso auf wie der häufige Bezug
auf vorherige Veröffentlichungen von
Joachim Bauer. Vielleicht wäre es ja auch spannend
zu erleben, wie eine - mit einer anderen Fachperson - kooperativ
geschriebene nächste Publikation Joachim Bauers aussieht. Sie
dürfte auf jeden Fall noch erfolgsversprechender sein als
diese.
Ein insgesamt sehr aufweckendes Buch, das Diskussionen anregt und zur
Überprüfung persönlicher Denkmodelle aufruft.
(Detlef Rüsch; 09/2006)
Joachim Bauer: "Prinzip Menschlichkeit"
Hoffmann und Campe, 2006. 240 Seiten.
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