Claudia Groß: "Das Scholarium"
„Trotz aller Ungenauigkeiten, was die Kölner Topographie betrifft: Die Handlung ist nicht schlecht angelegt, so dass man das Buch zu Ende liest. Whodunnit? Das verraten wir natürlich nicht ...“, las ich in der Kurzbesprechung des nach „Die Runenmeisterin“ zweiten Romans der Autorin in einer Kölner Tageszeitung. Dieses sehr oberflächliche Urteil verlockt nicht gerade zum Kauf des Buches, doch muss ich sagen: Die Lektüre bereut man nicht, wenn man weder einen historischen Köln-Roman noch einen traditionellen Kriminalroman in mittelalterlicher Umgebung erwartet.
Beides war gewiss auch nicht die Absicht der ungemein intelligenten, gebildeten Autorin. Wer sich auf diesen Roman einlässt, spürt schnell, dass das Interesse an der Aufklärung eines ominösen Mordfalls und der üblichen Suche nach dem Täter weit zurücktritt zugunsten der Neugier auf die geistigen Positionen des frühen
15. Jahrhunderts. Man befindet sich an der gerade neu gegründeten Kölner Universität mit ihren ganz unterschiedlichen philosophischen Vertretern so zu sagen an der Wende zu einem neuem Denken und einer neuen Zeit. Aus dem Dunkel und Dünkel des Anspruchs auf den alleingültigen Weg zur Erkenntnis, der den meisten noch verstellt ist durch unverrückbare Lehrmeinungen, Aber- und Zauberglauben, leuchten bereits unabhängige Denker heraus, die den Gedankenballast der Vergangenheit abzuwerfen beginnen. Die Universität bewegt sich wie ein Schiff in einem gefährlichen Meer, das jeden Einzelnen ständig zu verschlingen droht. „An Magier und Teufel, Dämonen und Drachen glaubten /die Menschen und auch noch manche Gelehrte/ so wie an das jüngste Gericht...“ (S. 305). Die Autorin zeigt die Universitätslehrer und Studenten in ihrem Ringen um Erkenntnis, macht ihre Wahrheitssuche, ihre Zweifel und verzweifelten Ausbruchsversuche glaubwürdig. Deutlich wird in diesem zeitlich und örtlich begrenzten Ausschnitt auch die Vielfalt der Kräfte, die auf die nach Erkenntnis dürstenden Menschen einwirken. Um sie herum brodelt die dumpfe blutrünstige Menge, die noch ganz im Zauberglauben befangen ist: „... nur noch verzerrte Fratzen, geifernde, lüsterne Gesichter, sich nach vorne windende Leiber, die auch einen Fetzen von der Zauberfrau erhaschen wollten. Leiber, aus denen aufgestaute Wut hervorbrach, als hätten sie sie jahrelang herumgetragen.“ „.. auf dem Scheiterhaufen soll sie brennen, die Zauberin ...“ (S. 326)
Aus der Masse der in einem Kerker aus Unwissenheit und Unterwerfung gehaltenen Frauen ragt eine Lichtgestalt heraus, die die Sympathie des Lesers auf sich zieht: Sophie, die junge Witwe des ermordeten Magisters Casall: klug, wissbegierig, unverbildet und pragmatisch. Sie unterscheidet sich von den männlichen Protagonisten durch ihr unorthodoxes Denken und durch ihren für die damalige Zeit kühnen emanzipatorischen Anspruch auf das Recht auf Bildung von Frauen, womit sie schnell gegen eine Mauer männlichen Widerstandes rennt. „Zwanzig Casalls saßen da vor ihr, schlugen sie, prügelten auf sie ein, missbrauchten sie, quälten und demütigten sie.“ (S. 296)
Es zeichnet den Roman aus, dass er Schwarz-weiß-Malereien vermeidet, es gibt fast nur gebrochene, keine eindeutigen Figuren. So ist es der in der Geschlechterfrage ultraorthodoxe Kanzler der Universität, der Sophie vor Schandpfahl und Scheiterhaufen bewahrt, obwohl ihn wahre Alpträume plagen. „Dies war seine Welt, die Welt der Männer. Gott hatte sie erschaffen, damit der Mann sie bestellte. Damit er sie nach seinen Vorstellungen baute wie einen Dom. Frauen würden nicht imstande sein, einen zweiten Kölner Dom zu bauen. Überhaupt, wie sollte eine Welt aussehen, die von Frauen gestaltet würde? Da würden die Kinder die Könige sein und in Hermelinmäntelchen herumlaufen. Da würden Katzen in den Betten schlafen und die Philosophie wie ein Gespenst in den Truhen verschwinden. Denn wer hatte jemals gehört, dass Frauen auch nur einen klugen Gedanken zuwege gebracht hätten? Und doch hatte sich dieses Weib in die Vorlesungen geschlichen und hatte auch noch alles mitgeschrieben? Das musste reiner Hochmut sein, denn aus Lernbegierde würde ja wohl keine Frau auf diesen Gedanken kommen. (S. 242 –243)
Umgekehrt ist es der Sophie emotional und geistig am nächsten stehende Magister Lombardi, der sie im Stich lässt, um seine eigene Haut zu retten. Und auch Sophie scheitert äußerlich wie innerlich. Resigniert bekennt sie:
„Ich war wie das leere Fass, das man mit Wissen füllt, aber irgendwo hatte das Fass ein Leck und blieb in Wirklichkeit immer leer. Ich wollte Euch etwas beweisen, aber den Beweis werde ich schuldig bleiben, weil ich an den Wert der Sache nicht mehr glaube.“ (S. 279)
Ausgerechnet von den Lippen des Bösewichts (oder des Doktor Faustus?) des Romans kommt als Vermächtnis, bevor er sein Leben aushaucht, die tiefste Weisheit dieses Buches: „Im Gegensatz zur Beschäftigung mit leeren Gedankengebäuden ist die Arbeit mit wirklicher Materie ein gefährliches Unterfangen.“ (S. 331) Und zur Materie, so sicherlich die Aussageabsicht der Schriftstellerin, dürfen auch Leben und Gefühle gezählt werden.
(Diethelm Kaminski; Köln, den 29.09.2002)
Claudia
Groß: "Das Scholarium"
dtv premium 2002
336 Seiten
ISBN: 3423243147
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