Max Frisch: "Mein Name sei Gantenbein"

(Hörspielrezension)


Warten auf Gantenbein

"Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu - man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt" - mit diesen Worten beginnt die vorliegende Hörspielfassung dieses bereits 1964 erschienen Romans. Man könnte ihn als dritten Teil einer Trilogie beginnend mit "Stiller" (1954) und fortgesetzt mit "Homo Faber" (1957) verstehen, wenn man als Frischs großes Thema die Identitätssuche und -verweigerung annimmt. Ein Ich-Erzähler ist auf der Such nach sich und anderen Personen - Statik und Bewegung wechseln sich ab: "Ich sitze in einer Wohnung - meiner Wohnung ... lang kann’s nicht her sein, seit hier gelebt worden ist." Ja, Frischs Figuren leben nicht selbst, sie werden gelebt!

Das Motto des Ich-Erzählers könnte lauten: "Ich probiere Geschichten an wie Kleider!" Dabei entwirft er eben auch eine erste Identität: "Mein Name sei Gantenbein" - die weiteren Entwicklungsschübe leitet er immer wieder ein mit: "Ich stelle mir vor".
Unverkennbar klingen Frischs Formulierungen aus seinen Werkstattgesprächen sowie aus seinem ersten Tagebuch durch: "Manchmal scheint auch mir, dass jedes Buch, so es sich nicht befasst mit der Verhinderung des Krieges, mit der Schaffung einer besseren Gesellschaft und so weiter, sinnlos ist, müßig, unverantwortlich, langweilig, nicht wert, dass man es liest, unstatthaft. Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten. (...) Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst."

Der Kritiker Hans Mayer sprach damals von der "Diskrepanz des gelebten und des interpretierten Lebens" - wiewohl ja der Erzähler bemerkt: "Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält." Die Figuren spielen Rollen, sie werden zu Rollen degradiert - der Roman unterläuft ständig das Illusions- und Identitätsbedürfnis des naiven Lesers. Frisch, den Mayer als Autor zwischen Brecht und Kierkegaard sieht, entlarvt und offeriert Fiktion als Fiktion und Epik als Epik (vgl. Marcel Reich-Ranicki).

Und so ist es wie ein Warten auf Gantenbein, der nie in einer Eindeutigkeit auftreten kann - dies ist die Absurdität der Existenz. Und wie ließe sich dieses rollenspielerische Oszillieren und Probieren besser darstellen als mit den Mitteln des Hörspiels (abgesehen vom Film?). Das Hören dieses Projekts wird empfohlen - kann allerdings die Lektüre des Romans keineswegs ersetzen! Das liegt immer am Medium: der gedruckte Text birgt eben alle Details, v.a. die reflektorischen, die ein Hörspiel oder eine Verfilmung aus Zeit- und Konzentrationsgründen nicht wiedergeben kann. Allemal ist die Verunsicherung von Rollenidentitäten spannend - das Hörspiel sollte (wieder) neugierig machen auf den Originaltext.

(KHS; 02/2006)


Max Frisch: "Mein Name sei Gantenbein"
Der Hörverlag, 2006. 3 CDs, Laufzeit ca. 212 Minuten.
Produktion: Bayerischer Rundfunk/Südwestfunk (jetzt Südwestrundfunk), 1967.
Sprecher: Dagmar Altrichter, Robert Freitag, Miriam Spoerri, u. A.
ISBN 3-89940-151-4.
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