"Vom Frieden der Seele"

Ein Lesebuch für Nachdenkliche



"Das Leben im Einklang mit sich selbst und in innerem Gleichgewicht ist ein Grundanliegen der Menschen fast aller Kulturen und Epochen."
Dieser Satz steht zu Beginn des gegenständlichen Buches, dessen Bemühen es ist, das Streben nach innerer Ruhe und Seelenfrieden von Anbeginn menschlicher Geisteskultur bis in die Gegenwart hinein anhand ausgewählter Texte zu dokumentieren. Jeder der 31 Texte wird durch eine biografisch-inhaltliche Einführung erschlossen, die dem Leser Informationen über politische und gesellschaftliche Hintergründe, wie auch über den jeweiligen Autor und sein Werk vermittelt. Insofern handelt es sich dabei um eine gelungene Einführung in die Gedankenwelt von so herausragenden und weltbewegenden Denkern wie
Amenemope, Laotse, Buddha, Aristoteles, Epikur, Seneca, Marc Aurel, Martin Luther, Baruch de Spinoza, Meister Eckhart, Arthur Schopenhauer, Leo N. Tolstoj, Sigmund Freud und den Dalai Lama, um nur einige demonstrierender Weise zu nennen.

Von den Kulturen des Altertums und der europäischen Antike über das Mittelalter und die Renaissance bis hinein in die Neuzeit und zur Gegenwart hat das eine große Menschheitsthema des Strebens nach Seelenfrieden und Glückseligkeit die Menschheit zwar universell verbunden, die Herangehensweisen hätten jedoch nicht unterschiedlicher ausfallen können. Es unterliegt demnach auch einer trügerischen Erwartung, wer hofft, in diesem Buch einen Ratgeber für die rechte Lebensführung zu finden, denn gerade diesen Anspruch kann und will es nicht erfüllen. So war es etwa das Bestreben der Stoa, über die Einsicht in die Nichtigkeit und Hinfälligkeit allen irdischen Lebens die leidenschaftliche Besorglichkeit um das eigene ICH zu überwinden, wofür die Schriften des römischen Kaisers Marcus Aurelius Antoninus (121-180 n. Chr.) ein beredtes Zeugnis ablegen, hingegen die französische Aristokratin Emilie du Chatelet (1706-1749) das Wagnis leidenschaftlicher Hingabe als Vorbedingung für große Freuden erachtet. Bei aller dezidierten Widersprüchlichkeit ist Marc Aurel und Emilie du Chatelet jedoch immer noch eine Haltung gemeinsam, welche das Problem der Lebensbewältigung als persönliches Erkenntnisproblem auffasst.

Anders hingegen die hinduistische Bhagavadgita und der Bischof Aurelius Augustinus (354-430 n. Chr.), welche beide für kollektivistische Sichtweisen stehen (für Anpassung an eine göttliche Weltordnung). So war es für den großartigen Stilisten Augustinus, dessen Wortgewandtheit man nur bestaunen kann, die Hinwendung zum himmlischen Staat, der auf Erden pilgert und dem angehört, wer Gott liebt und von ihm erwählt wird. Freilich, der himmlische Frieden auf Erden bleibt selbst noch unter denkbar optimalen Verhältnissen für den Einzelnen unvollkommen, da die Seele als Vernunftinstanz durch den sterblichen Leib die Leidenschaften nicht völlig beherrscht und somit immer wieder gegen die Sünde anzukämpfen hat, was den Seelenfrieden stört. Für die Bhagavadgita ist charakteristisch, dass sie die Ziele der Erlösung und des pflichtgemäßen Handelns miteinander verbindet, wobei meines Erachtens dazu die Kritik gerechtfertigt ist, die in dieser exzessiven Auffassung von Pflichterfüllung eine spirituell verbrämte inhumane Kastenideologie erkennt, deren Funktion es war, die Kriegsökonomie der Arier festigen zu helfen (gegen die sich übrigens als ideologieoppositionelle Strömung der Buddhismus wenden sollte). Eine Kritik, welche übrigens im Buch nicht explizit angeführt wird, da dieses den Hauptaugenmerk auf die spirituelle Komponente legt, jedoch von einem kritischen Geist aus dem dargelegten Sachverhalt erkannt werden sollte. Seelenfrieden wird erlangt durch opferbereite und konzentrierte Übereinstimmung mit den Anforderungen der Kaste, gegenständlich in den abgedruckten Gesängen 2 und 6 mit der Kriegerkaste, was in diesem Fall bedeutet, dass der Krieger auch nicht davor zurückscheuen soll, verehrte Freunde zu töten ("Verbanne die Unmännlichkeit! Sie ziemt dir nicht! Die Schwäche, die erbärmlich ist, gib auf!" spricht der Erhabene und etwas später: "Denn für den Krieger gibt es ja nichts Bessres als gerechten Kampf.").
Wilhelm von Humboldt bezeichnete die Bhagavadgita als "das schönste, ja vielleicht das einzig wahrhafte philosophische Gedicht, das alle uns bekannten Literaturen aufzuweisen haben". Dieser blinden Verherrlichung kann ich mich beim besten Willen nicht anschließen und leider - diese Kritik trifft das Lesebuch - wird die Bhagavadgita auch im konkreten Fall nur allzu unkritisch wiedergeben. Gegen die poetische Kraft dieser Dichtung ist freilich nichts einzuwenden, wie sie auch fraglos gegeben ist. Zudem muss der Gerechtigkeit halber erwähnt werden, dass die Bhagavadgita über einen Zeitraum von rund 800 Jahren
entstanden ist (400 v. Chr. bis 400 n. Chr.) und dank ihres Inhaltsreichtums auch dem "asiatisierenden" Gegenwartsmenschen noch etwas mitzuteilen hat. Diverse Textauszüge aus der Bhagavadgita legen dafür ein eindrucksvolles Zeugnis ab.

Religion ist überhaupt ein zentrales Thema in diesem Lesebuch der Sinnsuche. Zu Wort kommen in diesem Zusammenhang nebst anderen, Meister Eckhart, der Frieden als ein In-Gott-Sein erachtete und Leo N. Tolstoi, der die Botschaft der Evangelien als eindeutig und nicht weiter interpretierbar ermaß und aus allen Seiten der Bibel ein und dieselbe Lehre bestätigt fand, welche lautet: widerstrebet nicht dem Übel. Eine Erkenntnis, die zum Grundsatz der antimilitaristischen Ausrichtung des Tolstoianismus wurde.
Im Unterschied zu Tolstoi hatte der Reformator Martin Luther (1483-1546) die Bibel auf sehr eigenwillige Weise interpretiert und daraus inhumane Schlüsse gezogen, welche im Vorspann zum Textauszug aus der Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" sehr eingehend abgehandelt werden und dem Rezensenten die Haare zu Berge stehen ließen.
So hatte Luther in seiner 1525 verfassten Schrift "Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern" geschrieben: "Man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, gleich als wenn man einen tollen Hund totschlagen muss." Soziale Gerechtigkeit, wozu für ihn die Beibehaltung der sozialen Ungleichheit der Menschen gehörte, sei mittels Gewalt und Strafe zu sichern (auf den Gegensatz zu Tolstoi wird ausdrücklich hingewiesen). Und Luther berief sich auch auf seine Interpretation der Bibel, wenn er zur physischen Gewalt gegen die Juden aufforderte und dazu aufrief, dass man deren Synagogen "mit Feuer anstecke", "ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre" und ihnen alle heiligen Bücher wegnehme, "darin falsche Abgötterei, Lügen, Fluch und Lästerung gelehrt wird". Diesbezüglich erübrigt sich ein jedes weiteres Wort. Den Herausgebern sei jedoch gedankt, dass sie alles in allem ein kritisches Buch geschrieben haben (von der Verschonung der Bhagavadgita einmal abgesehen), welches von der oft geübten Tabuisierungspraxis gegenüber berühmten Namen zumindest im Einzelfall des protestantischen Reformators wohltuend abweicht.

Das 20. Jahrhundert war das Zeitalter naturwissenschaftlicher Weltbetrachtung und so wundert es nicht weiter, wenn Sigmund Freud (1856-1939) nüchtern feststellt, dass des Menschen Glück im Plan der Schöpfung einfach nicht vorgesehen sei. Das Programm des Lustprinzips setze zwar den Lebenszweck, doch befände sich dieses Programm im Hader mit der ganzen Welt und deswegen werde auch von allen Schulen der Lebensweisheit empfohlen, dass die Aufgabe der Leidvermeidung vordringlich sei und mit gutem Recht die Lustgewinnung in den Hintergrund dränge. Religionen sind für den Wiener Seelenforscher bloße Ausformungen von Massenwahn, vermittels dessen "eine größere Anzahl von Menschen gemeinsam den Versuch unternimmt, sich Glücksversicherung und Leidensschutz durch wahnhafte Umbildung der Wirklichkeit zu schaffen". Aus Freud spricht die (erstaunlich wortgewandte) Stimme wissenschaftlicher Aufklärung zu uns, welche die Idee vom Seelenfrieden in psychotechnokratische Terminologie auflöst. Den Menschen erachtet er als ein mechanisches Konstrukt, das nach Gesetzmäßigkeiten biologischer Ökonomie funktioniert. Der ungehemmten Auslebung des Lustprinzips steht der Ich- oder Selbsterhaltungstrieb entgegen (welcher Anpassung an das Realitätsprinzip sucht), weshalb Glück in nur eingeschränktem, "ermäßigten Sinne" möglich ist.

Das Schlusswort gebührt im Buch wie auch hier jetzt dem Philosophen und Schriftsteller Peter Sloterdijk, der in seiner Kritik der politischen Kinetik "Eurotaoismus" die Moderne als großes Projekt der "Mobilmachung überhaupt" erkennt (metaphysisch als Sein-zur-Bewegung konstituiert), welcher Teile der westlichen Intelligenz eine Renaissance des altasiatischen Denkens (Taoismus, Zen-Buddhismus, etc.) entgegenhalten, der darin enthaltenen Demobilisierungseffekte wegen (Ruhe in der Bewegung). Freilich muss der okzidentale Asienkult als nicht merkwürdig genug eingeschätzt werden, vollzieht der reale asiatische Osten doch zugleich eine ganz entschiedene Mobilisierung im Sinne westlicher Betriebsamkeit. Und Sloterdijk führt dazu beispielsgebend an: "Japan hat der Welt das Modell einer formvollendeten Selbstliquidierung geliefert und ein Seppuku zugunsten von Industrie und Geschichte begangen, das für immer verblüffend bleiben wird." Was bleibt, ist die Sehnsucht nach Entschleunigung des Lebenstempos, welche ein wenig Seelenfrieden verheißt und, wie immer sie sich auch als Asiomanie gibt, in der Tat eine postmoderne Renaissance ist, deren Antike im Gegenwärtigen anfängt zu entstehen. Was sich somit als Asienenthusiasmus gebärdet, ist in der Tat Ausdruck postmoderner Beliebigkeit, die sich im Hier und Jetzt als Praxis der Aneignung altasiatischer Zitate inszeniert.

Fazit: Ein überzeugendes Buch, das noch weit mehr an interessanten Inhalten zu bieten hat, als hiermit angedeutet werden konnte. Wegen der von den Herausgebern den Originaltexten beigefügten Einführungen ist es auch für geistesgeschichtlich weniger Gebildete leicht zugänglich. Summa summarum handelt es sich um Zeugnisse aus dreitausend Jahren der Suche nach Glück und Zufriedenheit. Keine Patentrezepte marktgängiger Heilslehren werden dargeboten, doch Anregungen zum kritischen Weiterdenken sehr wohl. Ein Werk der Aufklärung, nicht der Verklärung, liegt uns somit vor. Erbaulich und gelehrig, somit einfach lesenswert.

(Harald Schulz; 19. Juli 2002)


"Vom Frieden der Seele - Ein Lesebuch für Nachdenkliche"
Hrsg. u. mit Einführungen versehen von Gerd Becher und Elmar Treptow

Taschenbuch.
dtv, 2002. 346 Seiten.
ISBN 3-423-30864-X.
ca. EUR 12,-.
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