Annemarie Vels Heijn u. A. (Hrsg.): "Versteckte Botschaften"

Die Bilder der holländisch / flämischen Meister entschlüsseln und verstehen


Von van Eyck bis Adriaan de Lelie: der Schlüssel zur Interpretation steckt oft im verborgenen Detail

Über Jahrhunderte dominierten neben den Italienern die flämischen und niederländischen Maler die Kunst ihrer jeweiligen Epochen, oft von den Kollegen aus "dem Land, wo die Zitronen blühn" inspiriert. Bezüglich der Bedeutung und Qualität der Werke dieser Künstler besteht kein Zweifel. Trotzdem entgehen dem heutigen Museumsbesucher (sofern er nicht vom Fach ist) viele symbolträchtige Details in ihren Gemälden, die dem zeitgenössischen Betrachter eindeutige Botschaften vermittelten. So deutete der Pantoffel, der sich so spielerisch leicht anziehen und abstreifen lässt, auf ein in erotischer Hinsicht leichtfertiges Mädchen hin, Gesellschaftsspiele repräsentierten Müßiggang und vertändelte Zeit, die weiße Lilie stand für eine Jungfrau - meistens Maria. Überhaupt enthielten die unterschiedlichen Blumenarten eine ausgefeilte Symbolik, ebenso wie Tiere. Allerdings änderten sich manche Bedeutungen im Lauf der Jahrhunderte.

Die Autoren stellen repräsentative Werke niederländischer und flämischer Künstler vom frühen 15. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in chronologischer Reihenfolge vor. Das besprochene Bild wird zunächst vollständig gezeigt; darunter findet man eine Kurzbiografie des Malers, wo notwendig, eine Einordnung seines Werks in den kunsthistorischen Kontext, Hinweise zum Auftraggeber, wenn es sich beispielsweise um ein Porträt handelt, und bei Bildern von Heiligen Informationen über deren Leben und Bedeutung für die Kirche. Es folgen Bildausschnitte mit relevanten Figuren (oder Figuren, deren Gesten, Mimik oder Handlungen einer Interpretation bedürfen), ungewöhnlichen Attributen, symbolträchtigen Gegenständen oder aussagekräftigen landschaftlichen Details. Diese Ausschnitte werden sachkundig und überzeugend erklärt; die Erläuterungen liefern wirklich wertvolle Hinweise zum Verständnis der Gemälde und zeigen auf, wie versteckte, vom Leser ursprünglich kaum beachtete oder gar nicht bemerkte Einzelheiten einem Bild eine verblüffende neue Bedeutung verleihen können.

Der Leser erfährt aber auch manches über die Geschichte einiger Bilder, zum Beispiel, dass seinerzeit allzu "eindeutige" Botschaften bisweilen übermalt wurden, wie man erkennen kann, dass ein Bild aus Opportunitätsgründen zersägt und später wieder zusammengefügt wurde, und woran sich die Spuren der protestantischen Bilderstürmer an Gemälden mit religiösen Inhalten ablesen lassen.

Da die versteckten Botschaften auch auf vielen weiteren, im Buch nicht vorgestellten Gemälden zu finden sind, lohnt sich die Anschaffung für begeisterte Museumsbesucher; das Werk erschließt eine Fülle von scheinbar befremdlichen Zusätzen und leicht übersehbaren Details, die zum Verständnis von flämischen und niederländischen Bildern beitragen oder es zuweilen überhaupt erst ermöglichen. Viele dieser Symbole und Anspielungen wurden auch in anderen Ländern angewendet. Bei aller Sachlichkeit - die angesichts des Informationenreichtums auch notwendig ist - lässt sich das Buch angenehm lesen; Vorkenntnisse über den Rahmen einer soliden Allgemeinbildung hinaus sind nicht notwendig.

Die Abbildungen sind von sehr guter Qualität, freilich recht kleinformatig - andernfalls hätte man ja den Inhalt stark reduzieren müssen. Die beschriebenen Details sind immer eindeutig zu erkennen. Ausgesprochen leserfreundlich ist das klare, übersichtliche Layout.

Im Anhang findet man die Standorte (einschließlich postalischer und Internetadresse) sowie Originaltitel der im Buch präsentierten Gemälde, ein Sach- und Personenregister, mit dessen Hilfe sich beispielsweise Gegenstände mit symbolhafter Bedeutung nachschlagen lassen, und ein Künstler- und Autorenregister.

Ein wertvolles und wichtiges Buch für Kunst liebende Laien!

(Regina Károlyi; 09/2006)


Annemarie Vels Heijn u. A. (Hrsg.): "Versteckte Botschaften"
Aus dem Niederländischen von Henrik Schröder.
Parthas Verlag, 2006. 445 Seiten.
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