Antonia Arslan: "Das Haus der Lerchen"

Die Geschichte einer armenischen Familie vor dem Hintergrund des Genozids an ihrem Volk


Antonia Arslan, die Autorin, ist in Padua aufgewachsen. Erst nach und nach erfährt sie, dass ihr Großvater Yerwant Arslanian, seinerzeit in Italien ein bekannter Chirurg, aus Armenien stammte. Während er als Dreizehnjähriger aus freien Stücken in ein italienisches Internat ging, blieb sein Bruder Sempad in der heimatlichen ostanatolischen Kleinstadt und wurde dort Apotheker.
Als Antonia Arslan der Geschichte ihrer armenischen Familie nachspürte, wurde ihr bewusst, dass sich deren Schicksal in den Jahren 1914 und 1915 entschied: dem Jahr des akribisch geplanten und durchgeführten Massakers oder besser Völkermordes der Türken an ihren armenischen Mitbürgern, und dem vorausgehenden Jahr, in dem Sempads Familie wie fast alle im damaligen Staatsgebiet der Türkei lebenden Armenier verzweifelt und naiv die Augen vor den Anzeichen des sich ankündigenden Verderbens verschloss. Antonia Arslan gelang es, den Leidensweg der überlebenden Familienmitglieder von ihrer kleinen anatolischen Stadt bis in die Wüste bei Aleppo (Syrien) zu rekonstruieren und die Fakten in einen weitestgehend authentischen Roman zu integrieren.

Nach dem Tod des Vaters überlässt Yerwant Arslanian, der nach seiner Auswanderung Armenien nicht mehr betreten hat, seinem jüngeren Bruder Sempad das väterliche Landhaus, "Haus der Lerchen" genannt. Dieser beginnt, es als Sommerhaus umzubauen und mit allerlei Luxus auszustatten, zumal Yerwant ihn und seine Familie ihn im folgenden Jahr (1915) endlich besuchen möchte, eine Aussicht, an die beide ihr Herz hängen.
Die in der Türkei lebenden Armenier sind geblendet von dem politischen Einfluss, den sie in letzter Zeit zugestanden bekommen haben, und wollen die vielen immer deutlicheren Hinweise auf das sich zusammenbrauende Unheil nicht wahrhaben. Sie klammern sich an den trügerischen Schein; immerhin haben sie bisher alle Schikanen durch die Türken überstanden.

Von der Regierung ist die Vernichtung sämtlicher Armenier sorgfältig geplant worden. Zuerst werden in der Hauptstadt die armenischen Intellektuellen, insbesondere Journalisten und Parlamentarier, unter Vorwänden diskret verhaftet und ermordet.
Als Italien aus dem Dreibund aus- und in den 1. Weltkrieg eintritt, in dem die Türkei auf der anderen (der deutsch-österreichischen) Seite steht, bricht für Yerwant eine Welt zusammen, denn nun sind seine Reisepläne undurchführbar.
Sempad erkundigt sich beim eher armenierfreundlichen Kommandanten des örtlichen türkischen Bataillons, ob den Armeniern Gefahr drohe, doch dieser ist so naiv, dass er selbst das Spiel seiner Regierung nicht begreift.
Dann ziehen andere Soldaten in die Stadt ein; sie erhalten den Auftrag, alle armenischen Familienoberhäupter (de facto also fast alle Männer) zu verhaften. Der armenische Arzt der Stadt ist gewarnt und verbirgt sich mit seinem Freund Sempad im Haus der Lerchen. Die Frauen der Familie haben nun zumindest eine vage Ahnung des bevorstehenden Verderbens. Rasch verbergen sie Geld und Wertsachen in ihrer Kleidung. Shushanig, Sempads selbstbewusste Frau, wird zum Rückgrat der Familie und des Freundeskreises. Sie lädt die ratlosen Freunde und Verwandten zum Feiern ins Lerchenhaus ein, weil sie das den türkischen Militärs gegenüber für unverfänglich hält. Tatsächlich aber provoziert es Neid und tödliche Missgunst bei den türkischen Beamten und Soldaten, denen die Nachricht von der Feier hinterbracht wird. Die neu eingetroffenen Soldaten veranstalten im Haus der Lerchen ein Gemetzel an sämtlichen Männern und Jungen. Nur der kleinste Sohn Sempads überlebt durch einen Zufall. Die Frauen haben etwas Glück im Unglück: Der von befreundeten Armenierinnen alarmierte Kommandant des Bataillons der Stadt trifft mit seinen Leuten ein und bereitet entsetzt dem Treiben ein Ende.
In dieser Nacht werden die inhaftierten Männer der Stadt ermordet, und der Rest der armenischen Bevölkerung erhält die Weisung, zu packen, weil die Armenier angeblich umgesiedelt werden sollen - die Männer würden vorausgeschickt.
So beginnt die Hölle des Marsches durch das karge Anatolien. Gleich bei der ersten Rast ziehen sich die den Treck bewachenden Gendarmen zurück, um kurdischen Stammeskriegern zu ermöglichen, nach Lust und Laune ein paar Leute umzubringen und dann alles zu rauben, was sie brauchen können. Hinterher teilen die Kurden mit den Wachen. Somit haben die Armenierinnen kaum noch Vorräte und auch keine Karren und Tiere mehr. Sie werden noch mehrmals von Kurden geplündert; "natürlich" kommt es auch zu Vergewaltigungen. Die Alten bleiben nach und nach zum Sterben zurück. Der Rest des Trecks schleppt sich, dem Verhungern, Verdursten und tödlicher Erschöpfung zunehmend näher, weiter Richtung Südwesten. In einer Stadt erhalten die Armenier trotz der diesbezüglichen strengen Verbote von den türkischen Bewohnern Lebensmittel und vom deutschen Konsul etwas medizinische Versorgung. Zudem trifft nun ein sonderbares Dreigestirn aus der Heimatstadt auf den Treck, ein griechisches Klageweib, der griechische Priester und ein türkischer Bettler, die alle in der Schuld von Sempad und seiner Familie stehen und entschlossen sind, die verbliebenen Familienmitglieder zu retten. Sie begleiten die Gruppe eine Weile heimlich, bestechen die Wachen und versuchen, die Familie mit etwas Essen zu versorgen. Dann überholen sie den Treck, um im syrischen Aleppo - inzwischen ist bekannt, dass alle Armenier vor die Tore Aleppos deportiert werden - die Befreiung der Arslanians vorzubereiten. Mit viel Mühe finden sie Sempads in Aleppo ansässigen Halbbruder Zareh. Im arabisch geprägten Aleppo sind, auch aufgrund der vielen dort lebenden ausländischen Diplomaten, Pogrome bisher ausgeblieben. Zareh und die Helfer erfahren, dass die vor Aleppo in Lagern internierten Deportierten, mittlerweile aufgrund ihrer großen Zahl eine nicht nur gesundheitliche Bedrohung für die Stadt, umgehend zum Sterben in die syrische Wüste gejagt werden sollen. Sie machen die Familie im Lager ausfindig; bis auf eine von Zarehs Schwestern haben alle überlebt. In einer haarsträubend abenteuerlichen Nacht-und-Nebel-Aktion retten Zareh und die drei Helfer aus seiner Vaterstadt Shushanig und die verbliebenen drei Kinder; Zarehs zweite Schwester aber opfert ihr Leben, als sie, selbstlos bis zum Letzten, die Bewacher von der Befreiungsaktion ablenkt.
Zareh versteckt seine Angehörigen ein Jahr lang, bis er sie gefahrlos zu Yerwant nach Italien schicken kann.


Dem Völkermord an den Armeniern (bis zu 1,5 Millionen Tote) im Jahre 1915 wird in der Geschichtsschreibung und vor allem in der Literatur kaum Aufmerksamkeit zuteil; viele Menschen haben noch nicht einmal davon gehört. Dennoch stand Antonia Arslans Roman "Das Haus der Lerchen" in Italien monatelang auf der Bestsellerliste. Warum?

Zunächst stellt die Autorin mit dem Leser ein Klima der Vertrautheit her, indem sie einige sehr konkrete Erinnerungen an den armenischen Großvater aus ihrer frühen Kindheit schildert, die zeigen, wie sich die armenische, vom Charakter her ausgesprochen orientalische Kultur mit der italienischen, westlich geprägten über den gemeinsamen Nenner, die christlichen Wurzeln, in der Familie Arslan(ian) verbunden hat.
In leichtem Erzählton beschreibt Antonia Arslan anschließend die Ereignisse des Jahres 1914, in dem die Brüder Yerwant und Sempad aufgeregt ihr Wiedersehen planen, die gekünstelt unbeschwerte Stimmung. Zwischendurch aber, auf Stichworte hin, fügt sie hart und sachlich Vorausblenden ein, zerstört das Idyll mit ein paar knappen, emotionslosen Sätzen, die das grausame Schicksal eines Gegenstandes, einer dem Leser lieb gewordenen Person vorwegnehmen oder zumindest andeuten - und fast im selben Atemzug wird die warmherzige Beschreibung der Gegenwart von 1914 wieder aufgenommen. So enthält schon der erste Teil eine unterschwellige, sich ständig verdichtende Düsternis trotz der Pastellfarben, in denen die Armenier selbst ihr Leben zeichnen. Die Vorausblenden nehmen dem Roman jedoch nichts von seiner Spannung; sie erzeugen lediglich ein Gefühl von Beklemmung, Schwermut und Schicksalhaftigkeit, das sich durch den ganzen Roman zieht.
Denn auch im zweiten Teil, in dem das Verhängnis über die Armenier hereinbricht, bleibt der Stil fließend und elegant; an keiner Stelle lässt sich Arslan zu billiger Effekthascherei hinreißen. Der Roman bezieht seine schmerzliche Spannung allein aus der nüchtern dargestellten Handlung und den Charakteren, die in der Extremsituation über sich hinauswachsen trotz ihres Wissens um die Vergeblichkeit ihrer Hoffnungen, allein getragen von dem Bestreben, wenigstens die Kinder zu retten. Und er zeigt auf, dass Liebe und Solidarität den Mut und Erfindungsreichtum erzeugen können, die das scheinbar Unmögliche zulassen.
Antonia Arslan gelingt es trotz ihrer armenischen Wurzeln, den Türken gegenüber gerecht zu bleiben. Sie führt die Massaker und die gezielten Ausrottungspläne richtig auf das nationalistische "Jungtürken"-Regime zurück und flicht viele mutige Rettungsversuche und Hilfeleistungen durch Türken aller sozialer Schichten sowie deutsche und französische Diplomaten ein.

"Das Haus der Lerchen" ist ein bedrückendes Zeugnis des ersten Völkermordes im 20. Jahrhundert. Dazu trägt auch die ausgesprochen gut gelungene Übersetzung bei.
Ich hätte mir als Anhang einen chronologischen Überblick über die armenierfeindlichen Entwicklungen in der Türkei gewünscht, die in den Ereignissen von 1915 gipfelten. Auch Hinweise auf seriöse Quellen zum Thema, etwa im Internet, wären wünschenswert, um den Roman in den historischen Zusammenhang einzuordnen, über den, wie weiter oben erwähnt, allgemein recht wenig bekannt ist.
Doch auch ohne solche Informationen muss man Antonia Arslans Roman nicht nur als beeindruckendes Denkmal gegen den Völkermord anerkennen, sondern zudem als ein Stück kunst- und wertvoller Literatur.

(Regina Károlyi; 08/2005)


Antonia Arslan: "Das Haus der Lerchen"
(Originaltitel "La masseria delle allodole")
Aus dem Italienischen von Maja Pflug.
Page & Turner, 2005. 288 Seiten.
ISBN 3-442-20296-5.
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