Veit Heinichen: "Die Zeitungsfrau"

Commissario Laurenti in schlechter Gesellschaft


Bildstarker Krimi mit faszinierenden Charakteren

Eigentlich wollte Commissario Proteo Laurenti nur in Ruhe seinen Urlaub genießen - ein paar Tage zu Hause gemeinsam mit seiner Ehefrau Laura entspannen, dann noch einen Familienbesuch in seiner Geburtsstadt Salerno und anschließend in Acciaroli am Cilento faulenzen. Doch ein frühmorgendlicher Anruf von Staatsanwalt Carlo Scoglio, seit der Trennung von seiner Ehefrau notorisch schlecht gelaunt, vernichtet jäh seine Urlaubspläne.

Ein Überfall auf ein bis dato geheimes Freilager im Hafen, randvoll mit wertvollen Gemälden, und zeitgleich als Ablenkungsmanöver ein Sprengstoffanschlag auf ein Gebäude in einem weit entfernten Stadtteil - das trägt für die Ermittler die Handschrift von Diego Colombo. Colombo gilt als Held, ist er doch als junger Erwachsener unter abenteuerlichen Bedingungen auf einem Segelboot zu seinen Verwandten nach Triest geflüchtet, bevor er dann eine Karriere als Dieb wertvoller Gemälde begann. Einziges Problem für Commissario Laurenti und sein Team: Diego Colombo gilt seit mehr als 25 Jahren als tot, gestorben bei der Explosion eines Bootes. Sollte er seinen Tod nur vorgetäuscht haben?

 

"Die Nachricht von der Explosion im Sporthafen verbreitete sich wie ein Lauffeuer und erreichte Teresa Fonda, kurz nachdem sie ihren kleinen Zeitungsladen an der Piazza San Giovanni geöffnet hatte und die ersten Kunden bediente. Vor wenigen Monaten hatte sie das neun Quadratmeter große Geschäft gegen eine erhebliche Abstandszahlung übernommen, für die Diego Colombo aufgekommen war. Sie waren ein Paar seit Teresas achtzehntem Geburtstag, und sie kannte den acht Jahre älteren, in Argentinien aufgewachsenen Cousin zweiten Grades, seit sie vierzehn war und er in Triest Unterschlupf bei den Verwandten gesucht hatte. In den Falklandkrieg hätte er damals ziehen sollen, stattdessen war er mit einer gestohlenen Jacht aus dem Hafen von Mar del Plata geflohen und hatte es über Brasilien mit dem Boot bis nach Europa geschafft. Rasch fasste er Fuß in der fremden Stadt und hatte sich als Skipper auf den Segeljachten reicher Leute verdingt oder für einen Finanzpolizisten Jobs erledigt, über die er selbst auf die Fragen Teresas schwieg. Erst kurz vor ihrer Hochzeit letztes Jahr hatte Diego sie eingeweiht." (Aus dem Roman)

Veit Heinichen beschreibt das Triest des Commissario Laurtenti so bildreich, dass der Leser meint, sich inmitten der geschichtsträchtigen italienischen Hafenstadt zu befinden. Interessante Charaktere bereichern die Erzählung. Da gibt es die sinnliche Witwe Diego Colombos, Teresa Fonda, deren Zeitungsladen vor allem männliche Kundschaft magisch anzieht. Daneben lernt der Leser die geschäftstüchtige Daria Bono kennen, die den geheimnisvollen Leiter der Markthalle konsequent verfolgt und beobachtet, sowie ihren invaliden Adoptivvater Lino La Rosa, der seine dubiosen Geschäfte auch noch aus dem Rollstuhl tätigt und in der Vergangenheit als Maresciallo der Guardia di Finanza eine enge Verbindung zu Diego Colombo hatte. Ihrer aller Lebensgeschichten sind eng miteinander verbunden und bergen so manche Geheimnisse. Und dann geschieht noch ein tödlicher Unfall - oder war es doch Mord?
Der Roman lebt vor allem von den starken Beschreibungen, während die Handlung weniger im Vordergrund steht.

(Alexandra Gölly; 09/2016)


Veit Heinichen: "Die Zeitungsfrau. Commissario Laurenti in schlechter Gesellschaft"
Piper, 2016. 351 Seiten.
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