Hans Peter Duerr: "Die Fahrt der Argonauten"


Die Minoer in Nordfriesland - eine Spurensuche

Mancher Fund, der richtungsweisend für die Archäologie und für unser Verständnis der Frühgeschichte war, wurde zufällig gemacht. So auch jener, der den Ethnologen und Kulturhistoriker Hans Peter Duerr auf die Spur einer möglichen Verortung der sagenhaften Fahrt der Argonauten brachte.

Eigentlich waren Duerr und einige seiner Studenten dabei, die im Mittelalter in der Nordsee versunkene Stadt Rungholt zu suchen. Zu ihrer Überraschung fanden sie im Watt mediterrane Artefakte, die sich der minoischen Kultur zuordnen ließen. Art und Verteilung der Funde ließen nur eine Interpretation zu: Etwa um 1.300 v. Chr. müssen minoische Schiffe die Nordseeküste besucht haben, vermutlich auf der Suche nach Bernstein und Zinn - das Metall war Bestandteil der schier lebenswichtigen Bronze -, die im Mittelmeerraum in dieser Zeit zur Mangelware geworden waren.

In seinem Buch schildert Hans Peter Duerr die Geschichte der Funde und ihrer Interpretation, und er nimmt den Leser mit auf eine spannende Reise durch die Frühgeschichte Europas.

In die klassische Geschichtsbetrachtung passt dieser Ansatz nicht: Die großen Mythen und Sagen wie jene von der Fahrt Jasons und der Argonauten oder auch die Abenteuer des Odysseus sollen auf tatsächlich stattgefundenen Entdeckungs- und Handelsfahrten minoischer Seeleute beruhen. Die auf seinem Fund basierenden Schlüsse zieht Hans Peter Duerr jedoch ausgesprochen logisch.

Nicht nur von der Entdeckung minoischer Tonscherben und anderer Artefakte, die im nordfriesischen Watt, stimmte die offizielle Geschichtsschreibung im Detail, nichts zu suchen hätten, handelt das Buch, sondern auch von der gesamten minoischen Kultur, deren Fülle der Autor vor dem Leser ausbreitet.

Manchmal geht dabei der Bezug zum eigentlichen Thema, den Argonauten, verloren. Glaube und Kultur der Minoer stehen dann im Vordergrund. Wie schon erwähnt, handelt es sich bei diesem Buch nicht zuletzt um einen Streifzug durch die Frühgeschichte Europas, durch die Bronzezeit.

Ob der Leser Duerrs Schlüssen folgen mag und es für begründet ansieht, dass die Argonauten Nordfriesland besuchten, sei ihm selbst überlassen. Es bereitet jedem Liebhaber der frühen Geschichte definitiv Vergnügen, den Gedanken des Autors zu folgen und sich auf diese spannende, unkonventionelle Geschichte einzulassen, die durchaus plausibel und aufwändig begründet wird und sich daher auch nachvollziehen lässt.

Ein Bilderblock mit Fotos von Fundstücken, anderweitig relevanten Kunstwerken und weiteren Objekten ergänzt den Text ebenso wie immer wieder eingestreute Abbildungen, etwa Karten, Skizzen und Fotos in Schwarz/Weiß. Der umfangreiche Anhang umfasst neben einem Register vor allem eine Fülle von Anmerkungen, die annähernd die Hälfte des Buchs ausmachen.

Ein lesenswertes Buch, das reichlich packende Inhalte zur Verfügung stellt und das Geschichtsbild um eine wahrlich faszinierende Facette bereichert!

(Regina Károlyi; 03/2012)


Hans Peter Duerr: "Die Fahrt der Argonauten"
Insel, 2011. 1111 Seiten.
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Ein weiteres Buch des Autors:

"Die dunkle Nacht der Seele. Nahtoderfahrungen und Jenseitsreisen"

Sogenannte Nahtod-Erfahrungen und Seelenreisen hat man mit einigem Recht als das größte ungelöste Rätsel der Bewusstseinsforschung bezeichnet. Und in der Tat sind bislang sämtliche philosophischen, neurologischen oder psychiatrisch-psychologischen Erklärungsversuche gescheitert - um die esoterischen Ansätze gar nicht zu erwähnen.
Im Gegensatz zu metaphysisch-spiritistischen Spekulationen über einen "Austritt" des Bewusstseins oder der Seele aus dem Körper erklärt Hans Peter Duerr Nahtod-Erfahrungen auf "naturalistische" Weise als eigentümliche und äußerst komplexe Halluzination. Ihr Wirklichkeitscharakter ist einzigartig.
Der bekannte Philosoph und Ethnologe Hans Peter Duerr hat alle zugänglichen Quellen über Nahtod-Erfahrungen und Seelenreisen von den Anfängen der Überlieferung bis in die Gegenwart dokumentiert und analysiert. Damit gelingt ihm ein leicht verständlicher, erhellender Überblick über Interpretationen und Meinungen zu dieser besonderen Erfahrung. Jenseits von Esoterik und dogmatischem wissenschaftlichem Rationalismus erhält ein häufig auftretendes und meist unverstandenes Phänomen eine überzeugende Erklärung. (Insel)
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Die Literaturgeschichte der Meerjungfrauen reicht von den Sirenen der Antike über die Melusinen des Mittelalters bis zu den Undinen der Romantik und darüber hinaus. Sie schließt auch die Nymphen der Donau, des Rheins und der Saale mit ein. Im Laufe der Zeit wechseln die Meerjungfrauen Gestalt und Bedeutung: als Vogelfrauen sind sie Verderberinnen, als Schlangenfrauen Gebärerinnen, als Nymphen mit oder ohne Fischschwanz Verführerinnen. Ihre Geschichten erzählen von der Unmöglichkeit der Liebe, aber immer auch von den Möglichkeiten der Dichtung. Ein poetischer Streifzug in sieben Kapiteln zu Texten von Homer und Heine, Fouqué und Fontane, Goethe und Grillparzer, Brentano und Bachmann, Thüring und Tieck, Vulpius und Wilde, Hans Christian Andersen und vielen Anderen. (S. Fischer)
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