Herta Müller: "Atemschaukel"


Rückfall - Erinnerung - Beschädigung - Erfahrung

Heimweh ist ein psychischer Zustand, den wohl jeder schon einmal empfunden hat. Es ist die Sehnsucht in der Fremde, wieder Zuhause zu sein. Doch was bewegt einen Menschen nach einem Ort zu fiebern, ihn in seinen Träumen heraufzubeschwören, an dem er nur Leid und körperliche Entbehrungen erlebt hat? "Posttraumatische Desorientierungen" nennen Psychiater diese irreparablen Beschädigungen, die Selbstentfremdung und Heimatlosigkeit von Deportierten.

Leopold Auberg, Rumäniendeutscher und Ich-Erzähler aus Herta Müllers grandiosem Roman "Atemschaukel", weist dieses Syndrom gleichfalls auf, auch 60 Jahre nach seiner Lagerhaft. "Was treibt mich in diese Verbundenheit. Warum will ich nachts das Recht auf mein Elend haben. Warum kann ich nicht frei sein. Wieso zwinge ich das Lager, mir zu gehören. Heimweh. Als ob ich es bräuchte." Vielleicht weil dieser junge Mensch mit 17 Jahren in ein Arbeitslager zum Wiederaufbau der Sowjetunion gesteckt wird und anstatt das Leben nur die Angst und das Überleben lernt. "Vielleicht wurde in dieser Nacht nicht ich, aber der Schrecken in mir plötzlich erwachsen", wird er später über die Fahrt in die Ukraine sagen, zusammengepfercht im Viehwaggon, jeglicher menschlicher Würde beraubt.

Aber es kommt noch schlimmer. Unter unmenschlichen Bedingungen verrichtet er gemeinsam mit den anderen Insassen Schwerstarbeit. Über allem steht unabwendbar und bedrohlich der Hunger, für dessen Beschreibung Herta Müller Worte findet, die den Leser direkt, mit voller Wucht treffen, gleichzeitig aber dem Zauber ihrer Wortmagie, ihren unglaublichen Sprachbildern erliegen lassen: "Was kann man sagen über den chronischen Hunger. Kann man sagen, es gibt einen Hunger, der dich krankhungrig macht. Der immer noch hungriger dazukommt, zu dem Hunger, den man schon hat. Der immer neue Hunger, der unersättlich wächst und in den ewig alten, mühsam gezähmten Hunger hineinspringt. Wie läuft man auf der Welt herum, wenn man nichts mehr über sich zu sagen weiß, als dass man Hunger hat. Wenn man an nichts anderes mehr denken kann. Der Gaumen ist größer als der Kopf, eine Kuppel, hoch und hellhörig bis hinauf in den Schädel. (...) Und wir trugen einen so hohen Gaumen, dass sich beim Gehen das Echo der Schritte im Mund überschlug. Eine Durchsichtigkeit im Schädel, als hätte man zu viel grelles Licht geschluckt. So ein Licht, das sich im Mund selber anschaut, sich süßlich ins Gaumenzäpfchen schleicht, bis es anschwillt und einem ins Hirn steigt. Bis man im Kopf kein Hirn, nur das Hungerecho hat."

Die Worte der Großmutter, "Ich weiß, du kommst wieder", sind es, die Leo den "Hungerengel" und die fünf Jahre währende "Hautundknochenzeit" am "Nullpunkt der Existenz" ertragen lassen. Hinzu kommt eine nahezu detaillierte Verinnerlichung von Gegenständlichkeiten, sei es nun ein schartiger Blechkamm, an dem nur die Haare und nicht die Läuse hängen bleiben, oder aber ein Kopfkissen, das tagsüber - zum Leinwandsack umfunktioniert - nützlich werden konnte, wenn sich eine Gelegenheit zum Stehlen oder Betteln ergab. Diese Genauigkeit der Wahrnehmung fungiert sozusagen als Schutzmechanismus, um gefährliche Situationen zu erkennen und innerlich besser darauf vorbereitet zu sein.

Als Leopold Auberg im Januar 1950 in die Freiheit entlassen wird und zu seiner Familie zurückkehrt, findet er sich dort jedoch nicht mehr zurecht: "Wir wussten voneinander, wie wir nicht mehr sind und nie mehr werden. Fremdsein ist bestimmt eine Last, aber Fremdeln in unmöglicher Nähe eine Überlast. (...) Meine Heimkehr ist ein verkrüppeltes, ständig dankbares Glück, ein Überlebenskreisel, der sich wegen jedem Dreck zu drehen beginnt."

Der Roman setzt sich aus 64 kurzen Abschnitten zusammen, die das kleinste Lagerdetail, das verlorenste Gefühl, den Schmerz und die Entwürdigung der Insassen wiedergeben. Sie erzählen vom "Hungerengel", der "Herzschaufel", der "interlopen Gesellschaft" oder aber dem "Lagerglück" - schonungslos, atemstockend, bestürzend.

"Atemschaukel" ist eine wortgewaltige, erschütternde und erschreckende Reminiszenz eines deportierten Rumäniendeutschen an ein stalinistisches Arbeitslager. Ein poetisches, ein meisterliches Manifest der Erinnerung aus der Feder der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller.

"Manchmal kriegen die Dinge eine Zartheit, eine monströse, die man von ihnen nicht erwartet." (Aus "Atemschaukel")

(Heike Geilen; 10/2009)


Herta Müller: "Atemschaukel"
Gebundene Ausgabe:
Hanser, 2009. 304 Seiten.
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Hörbuchausgabe (gekürzte Lesung):
Sprecher: Ulrich Matthes.
Hörbuch Hamburg, 2009. 5 CDs.
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Ein weiteres Buch der Autorin:

"Reisende auf einem Bein"

Irene ist weder ganz abgereist noch endgültig angekommen. Ihre alte Heimat, das Rumänien Ceauçescus, hat sie verloren, während ihr die neue Heimat Deutschland verschlossen bleibt: Im neuen Land stehen den Namen Dinge gegenüber, die nicht zu ihnen passen wollen, die nichts gemein haben mit den Wünschen aus der Ferne. Einsam durchstreift sie Westberlins Bahnhofslandschaften und Durchgangsorte, auch in ihren Beziehungen mit Männern bleibt sie innerlich allein. Der erste Prosaband der Nobelpreisträgerin Herta Müller ist eine bewegende Geschichte von Ferne und Nähe, Abreise und Ankunft - und der Leere dazwischen, in der man sich schmerzhaft selbst spürt. (Hanser)
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