Philippe Claudel: "Brodecks Bericht"
Der
Wolf im Schafspelz
"Ich selbst bin ein Nichts, aber ich tue mein Nichts mit einem
Stückchen
von allem zusammen." Das schreibt 1840 der
französische Schriftsteller
Victor
Hugo in
seiner "Rheinreise", und 169 Jahre später wählt
diesen Satz ein
gleichfalls französischer Autor als voranführendes
Zitat seines Romans.
Philippe Claudel, der bereits mit "Die grauen Seelen" (2004) oder
"Monsieur
Linh und die Gabe der Hoffnung" (2006) das Thema des Krieges,
der
Vertreibung, der Fremde zum Gegenstand seiner Erzählung
wählte, gelingt erneut
ein eindrucksvoller, beklemmender und erschütternder Roman.
"Brodecks
Bericht" erhielt 2008 den "Prix Goncourt des Lycéens", stand
monatelang auf den Verkaufsbestenlisten und wurde zum Lieblingsbuch der
französischen
Buchhändler gekürt.
"Ich heiße Brodeck, und ich kann nichts
dafür." In diesem
kurzen, aber gleichwohl äußerst expressiven Satz,
der Claudels Roman einrahmt
- er beginnt und endet mit diesen Worten - wird knapp, jedoch vollendet
das
gesamte Hauptthema umrissen: Schuld, Verantwortung, Unrecht, Trauer,
Leiden,
Scham, Schweigen, Renitenz, Animositäten und Wut. Der
französische Autor erklärte
in einem Interview, wie es zu diesem Beginn kam: "Ich bin
eines Morgens
mit einem Satz im Kopf aufgewacht und ich hatte keine Ahnung, wohin er
führen würde.
(...) Es war wie ein geträumter Satz und ich begann sofort zu
schreiben, weil
ich sehr neugierig war auf den Namen Brodeck und warum dieser Mann
sagt, dass er
nichts dafür kann."
Schwergewichtige Parabel
Ebenso schlicht wie dieser lapidare Satz erscheint zunächst
auch die Handlung -
zumindest auf den ersten Seiten. Doch weit gefehlt, entstanden ist eine
schwergewichtige Parabel über den Krieg und seine Folgen, das
Vergessen und
Erinnern sowie die Definition des Heimatbegriffs. "Die
Wahrheit kann
grausam sein", sinniert der Ich-Erzähler Brodeck, "und
sie fügt
uns bisweilen Verletzungen zu, die nie wieder heilen...." Er,
der
Studierte, ist von den Dorfbewohnern - die Handlung spielt ein Jahr
nach dem
Krieg in einem kleinen elsaß-lothringischen Ort im
Grenzgebiet zwischen den
Bergen - auserkoren worden, einen Bericht, eine Chronik der Ereignisse
über ein
schreckliches "Vorkommnis" zu schreiben und somit die Schuld und
Sühne
der Menschen abzuwaschen und ihr Vergehen als ein gerechtes, ja
notwendiges
Agieren zu deklinieren. Es geht um den gewaltsamen Tod, den Mord an
einem
geheimnisvollen und vieldeutigen Mann, der als "Fremder",
"Anderer", als "Hergekommener" in die Gemeinschaft
"eingebrochen" ist und ihr homogenes, abgegrenztes Gefüge
empfindlich
gestört hat, indem er ihr einen Spiegel vor die Nase hielt und
ihre Schuld
durch die Betrachtung der eigenen "Fratze" an die Oberfläche
holte.
Brodeck wurde dereinst selbst Opfer (un)menschlicher Verhaltensweisen
der
Dorfbewohner, als es darum ging, während der deutschen
Besatzung das Dorf zu
"säubern". Denn auch er kam dereinst - zwar noch ein Kind -
als
"Fremder" in diese Gegend. Durch einen Verrat verbrachte er zwei Jahre
in einem Konzentrationslager, wo er nur überleben konnte,
indem er sich ständig
demütigen ließ.
Während er an dem offiziellen Bericht schreibt, brechen alte
Wunden auf.
Brodeck erinnert sich und verfasst nebenher ein zweites, wesentlich
längeres
Schriftstück: ein literarisches Dokument der Geschehnisse und
Reflexionen. Er
benennt das Unbenennbare, versucht Worte und Erklärungen
für das Unerklärliche
zu finden. Und dies ist sogleich Philippe Claudels Buch. "Die
kleine
Gemeinschaft erlaubt mir, die große Gemeinschaft abzubilden",
so der
Autor. "Es ist ein Roman im Kontext des Krieges, wo
plötzlich viele
Dinge aufbrechen: die dunkle Seite der Menschen oder die erhabene
Seite, die
Tatsache, dass Menschen tatsächlich sehr gut oder sehr
böse sein können. Das
ist eine chemische Reaktion, die durch den Krieg ausgelöst
wird."
Erschreckend aktueller, fiktiver Roman
In unsteten Rückblenden, in unregelmäßiger
zeitlicher Abfolge, beinahe
gestaltloser Form, mit kurzen, knappen Sätzen und einfachen
Worten, jedoch
einer ungeheuer intensiven und wunderbaren Sprache, sanft und
gleichzeitig
kraftvoll, poetisch und hintergründig, in einem Gemisch aus
Gerüchen, Geräuschen
und visuellen Reizen, die Christiane Seiler wunderbar ins Deutsche
übertragen
hat, erzählt Philippe Claudel alias Brodeck seine Geschichte
und setzt sie wie
ein Puzzle oder bizarres Mosaik nach und nach zusammen. Sein Schreiben
hat
zuweilen etwas Gehetzes, wie "ein wildes Tier, das wegrennt,
Haken schlägt
und versucht, die Hunde und Jäger auf deinen Fersen in die
Irre zu führen. Was
ich schreibe, ist ein großes Durcheinander, und ich
erzähle von meinem Leben.
Das Schreiben ist Balsam für meine Seele und meinen
Körper."
Der Zweite Weltkrieg, die deutsche Okkupation, Pogromnacht und
Holocaust sind
die - ohne klar benannt zu werden - deutlich erkennbaren, alles
bedrohlich überschattenden
Themen. Claudel wählt dafür metaphorische
Bezeichnungen. So sind die deutschen
Besatzer die "Fratergekeime", und der "Kazerskwir"
ist eindeutig als Konzentrationslager zu erkennen. "Ich habe
deutsche
Worte genommen, die ich ein bisschen deformiert und wieder
zusammengeflickt
habe, die dem Leser ein pittoreskes Deutsch vermitteln",
erklärt
Claudel. Denn letztendlich kann dieser fiktive Roman überall
auf der Welt
angesiedelt sein und ist leider auch heute noch erschreckend aktuell. "Ein
Roman wie 'Brodeck' untersucht die Rolle des Individuums
gegenüber dem
Kollektiv", so der Autor. "Und die Schuld der
Völker. Die
Schuld der Völker ist real, das heißt, es gibt immer
Verrückte unter uns,
aber wir sind es, die ihnen die Mittel geben, noch verrückter
zu sein, oder
die, im Gegenteil, entscheiden, sie rechtzeitig zu stoppen."
"Nicht immer gibt es die Dinge wirklich, die man in
Büchern findet.
Manchmal lügen die Bücher...", stellt der
"Andere" in einem
Gespräch mit Brodeck fest. Philipp Claudels Buch kommt trotz
seiner Fiktion der
Wahrheit erschreckend nahe. Denn der Mensch ist zwar groß,
aber manchmal ist er
sich selbst nicht gewachsen.
Ein eindringliches, ein großartiges Buch.
(Heike Geilen; 07/2009)
Philippe
Claudel: "Brodecks Bericht"
(Originaltitel "Le rapport de Brodeck")
Deutsch von Christiane Seiler.
Kindler, 2009. 336 Seiten.
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