Tova Reich: "Mein Holocaust"


Dieser Roman betritt Neuland. Er stellt sich mit seinem Thema außerhalb der unzähligen innerjüdischen Debatten, wie sie insbesondere in den USA und in Israel geführt werden, aber auch immer wieder in Europa bei bestimmten, meist publizistisch sofort ausgeschlachteten Gelegenheiten, hochsteigen.

Wem gehört eigentlich der Holocaust? So lautet die provokante Frage, der sich Tova Reich mit diesem herrlichen Buch stellt. Ich vermute einmal, dass sie bei der Abfassung dieses satirischen, an manchen Stellen regelrecht schockierenden Romans auf die vielen Erlebnisse und Erfahrungen zurückgreifen konnte, die ihr Ehemann Dr. Walter Reich in den Jahren 1994 bis 1998 als Direktor des "Holocaust Memorial Centers" in Washington gemacht hat.

Die Hauptfigur dieses Romans ist der fast achtzigjährige Maurice Messer, Überlebender des Holocaust, der diese Tatsache stolz vor sich her trägt und sein Schicksal und seinen angeblichen Heldenmut gegenüber den Nazis jedem erzählt, der es nicht hören will.
Er ist Direktor des "Holocaust Memorial Centers", dessen Ausbau und finanzielle Absicherung aber noch längst nicht in trockenen Tüchern ist. Jedenfalls nicht zu Beginn des Romans. Auch aus diesem Grund versucht Maurice Messer seit Jahren, Spenden für dieses Projekt zu sammeln. Er ist ein schlauer Fuchs und hat genau gelernt, wie man mit dem Thema Holocaust Spenderherzen rühren und die Wohltätigkeitstöpfe der Reichen anzapfen kann.

Doch die Konkurrenz ist groß, und so muss man immer hinterher sein und zuspitzen, gelegentlich auch mal hemmungslos übertreiben. Auf jeden Fall muss sichergestellt werden, dass alle Anderen, die auch mit dem Thema "Holocaust" auf dem Markt der Mittelbeschaffung hausieren gehen, in ihre Schranken gewiesen werden. Der Holocaust gehört den Juden und sonst niemandem. Gleichzeitig ist er durchaus bereit, auch einmal zu differenzieren, wenn es den Spenden zugutekommt.

Seine Enkeltochter Nachama ist dafür ein gutes Beispiel. Sie findet seit längerem, dass die Christen die neuen Juden seien. Sie entschließt sich, auf die andere Seite zu wechseln und tritt just jenem tatsächlichen Kloster bei, das vor Jahren die Karmeliterinnen in direkter Nähe des Konzentrationslagers Auschwitz gegründet haben, was damals einen Aufschrei der Empörung und eine wachsweiche Intervention des Papstes auslöste.

Maurice Messer ist mit seiner Familie entsetzt über diesen Entschluss, insbesondere seinen Sohn Norman, der sich im Übrigen Hoffnungen auf einen wichtigen Posten im "Center" seines Vaters macht, treibt das um.
Während einer Geldbeschaffungsveranstaltung in Auschwitz, deren satirische und beißende Beschreibung ich beim Lesen an manchen Stellen kaum aushalten konnte, versucht er zu ihr ins Kloster zu gelangen und mit ihr zu sprechen.

Da ist sein Vater Maurice klüger. Was er nicht mehr ändern kann, dreht er ins Positive und versucht, nun mit genau dieser Konversion seiner Enkeltochter Spendengelder in Millionenhöhe zu akquirieren.
Tova Reich beschreibt süffisant und ironisch, in welchem Luxus die Protagonisten leben, wie sie von Spendengeldern ihre teuren Reisen, Hotelaufenthalte und Restaurantbesuche bestreiten.

Sie hat sich mit diesem Roman auf ein thematisches Gelände begeben, das komplett vermint ist und deshalb kaum beschrieben wird. Sie setzt sich energisch und mit großen Mut mit einem Gedenken an menschliche Gräueltaten auseinander, das auf eine schlimme Weise oft in einen unwürdigen Konkurrenzkampf ausartet, wer nun das eigentliche Opfer ist.

Das Buch ist eine wunderbare Satire über die Kommerzialisierung des Leides, auch des Holocaust. Das Lachen über seine geniale Komik bleibt dem Leser mehr als einmal im Halse stecken, wegen des erschreckend realistisch Geschilderten.

"Mein Holocaust" ist nichts für zarte Gemüter, und auch Menschen, die immer völlig "politisch korrekt" sein wollen, sollten es nicht zur Hand nehmen - oder gerade doch?

(Winfried Stanzick; 12/2008)


Tova Reich: "Mein Holocaust"
(Originaltitel "My Holocaust")
Übersetzt von Silvia Morawetz.
DVA, 2008. 332 Seiten.
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Noch zwei Buchtipps:

Norman Finkelstein: "Die Holocaust-Industrie"
Die »Holocaust-Industrie« – das bedeutet für Norman Finkelstein die moralische und finanzielle Ausbeutung jüdischer Leiden. Seine Analyse ist zugleich eine leidenschaftliche Anklage: Er wendet sich gegen die Interessenverbände, die den Holocaust für eigene Zwecke nutzen, häufig auf Kosten der Opfer. Er kritisiert die Verkitschung des Gedenkens, die die Würde der Opfer beleidigt. Außerdem wirft er den USA und Israel vor, den Holocaust zu instrumentalisieren, um von eigenen Problemen abzulenken. Mit seinen provokanten Thesen hat Finkelstein eine erbitterte Debatte ausgelöst.
Norman Finkelstein, geboren 1953, studierte an der Princeton University und in Paris. Er lehrte Politikwissenschaft an der City University in New York. Heute lebt er in Chicago, wo er an der DePaul University lehrt. Zusammen mit Ruth Bettina Birn veröffentlichte er »Eine Nation auf dem Prüfstand. Die Goldhagen-These und die historische Wahrheit«, 2001 folgte das aufsehenerregende Buch »Die Holocaust-Industrie«. Zuletzt erschien von ihm auf deutsch »Antisemitismus als politische Waffe. Israel, Amerika und der Mißbrauch der Geschichte«. (Piper)
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Wilhelm Jensen: "Die Juden von Cölln"

Zum ersten Mal lieferbar seit 1897: Wilhelm Jensens großer Roman über die mittelalterlichen Juden-Pogrome in Köln.
"Die Juden von Cölln - Darstellung eines akuten Falles am Krankenbette der Menschheit" ist eine kostbare Wiederentdeckung - und ein Erzählstück, das auch über 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung nichts von seiner Kraft und Eindringlichkeit verloren hat.
Am Tag nachdem Hellem, Sohn des reichen Geldverleihers Kaleb, nach sieben Wanderjahren ins Kölner Ghetto zurückgekehrt ist, bricht die Pest aus. In kürzester Zeit verwandeln sich die engen Gassen der mittelalterlichen Stadt in einen Hexenkessel: Leichenzüge, begleitet von berauschten Totentänzern, und Geißlerprozessionen ziehen durch die Straßen, panische Menschenmassen suchen in den Kirchen Schutz vor der todbringenden Seuche. In dieser apokalyptischen Atmosphäre wird die Anschuldigung laut, die Juden hätten die Brunnen der Stadt vergiftet, um den Schwarzen Tod über die Christen zu bringen: Und natürlich sind es Hellem und seine Familie, die ins Visier der fanatisierten Häscher geraten ...
In eindrucksvollen Bildern beschwört Wilhelm Jensen das über die Judengasse aufziehende Unheil. Doch der Autor beschreibt nicht bloß mit bemerkenswertem psychologischen Feingefühl die Entstehung und Entfesselung von Gewalt gegen eine hilflose Minderheit - "Die Juden von Cölln" ist auch eine Familiensaga, in deren Zentrum die Zusammenführung einer zerrissenen Gemeinschaft steht: Eine Geschichte von Schuld und Sühne, Intrige, Verrat und Liebe - in einer Zeit, in der es plötzlich ums bloße Überleben geht.
Sigmund Freud kannte dieses Buch, und man sagt, dass es der Grund war, warum er nie nach Köln gekommen ist.
Frank Schätzing schrieb das Vorwort für die jetzt vorliegende behutsam von Jan Valk modernisierte Fassung. (Kiepenheuer & Witsch)
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