Klaus Funke: "Der Teufel in Dresden"

Ein Paganini-Roman


Der Getriebene, Ruhelose

Am 27. Oktober 1782 wird im italienischen Genua ein Kind geboren, das später zum genialsten Geiger aller Zeiten avancieren sollte: Niccolò Paganini.
Ein Name, bei dem vor über 200 Jahren viele Leute das Kreuzzeichen schlugen und den man nur flüsternd auszusprechen wagte. Denn dieser Mann führte auf seiner Geige Kunststücke vor, die bis dato niemand beherrschte. Seine Finger rasten in atemberaubender Geschwindigkeit über das Griffbrett, seine Bogenführung war exzentrisch. Mit seiner Musik wusste er die Menschen zu hypnotisieren und zu manipulieren: Ein ganzer Saal begann zu toben, Frauen fielen in Ohnmacht, gestandene Männer fingen an zu weinen. Der beinahe dämonischen Macht seiner Musik konnte sich niemand entziehen.
Hinzu kam sein Äußeres: Stets in Schwarz gekleidet, ein bleiches Gesicht über extrem dünnem Körper, dunkle lange Locken und ein stechender Blick.

Der Dresdner Autor Klaus Funke hat sich dieses "Teufelsgeigers" angenommen und erzählt dem Leser zwei Tage aus dessen Leben. Im Jahr 1829 begegnet man dem Jahrtausendgenie am Beginn seiner Deutschlandtournee. Zuvor hat Paganini schon rauschende Erfolge unter anderem in Wien gefeiert und wurde daraufhin vom Monarchen höchstpersönlich in die Residenzstadt des Königreichs Sachsen, in die barocke Elbmetropole Dresden, eingeladen.

Hier steigt Paganini mit seinem dreijährigen Sohn Achille im "Hotel de Pologne" ab. Nicht nur Kellner Knöfel erliegt den Tönen, die aus Zimmer 45 zu ihm dringen, sondern auch die Bettenmamsell Johanna Kleditzsch verfällt dem gespenstischen Geigenvirtuosen, als der sie beim Lauschen an seiner Zimmertür erwischt und ihr daraufhin eine Karte zu seinem restlos ausverkauften Auftritt in der Hofoper schenkt.

Doch bevor er das Dresdner Publikum in einen wahren hysterischen Freudentaumel versetzt ("Ein Diamantenfeuerwerk aus Tönen. Ein sich drehendes Karussell, atemberaubend, sinnenverwirrend, schnell, unglaublich. Nie gehört, unerhört."), ist Paganini noch auf einem privaten literarischen Empfang bei dem damals sehr berühmten Schriftsteller Ludwig Tieck eingeladen. Dort trifft er auf Wilhelmine Schröder-Devrient, eine der führenden Sopranistinnen dieser Zeit, und verliebt sich - wieder einmal - in die schöne Sängerin.

Klaus Funke ist mit diesem schmalen Buch ein kleiner, aber durchweg spannender und fesselnder Roman gelungen. Er reiht sich nicht ein in das "ganze Gespinst aus Gerüchten, Zusammengereimtem, Märchen und Lügen um den italienischen Zaubergeiger, diesen Besessenen, diesen Teufel, wie er von vielen genannt wird" sondern zeichnet ein überaus sensibles und vor allem glaubhaftes Bild des Genuesen. Rückblenden und Gedanken Paganinis lassen dabei den größten Teil seines Lebens erfahren. Der Autor räumt auf mit den Gerüchten und zeigt, dass das Genie durch unsägliche Entbehrungen bereits in der Kindheit und Jugend und wegen eines strengen, erbarmungslosen Vaters zu dem wurde, was er war.

Gleichzeitig zeichnet Klaus Funke ein eindrucksvolles Zeit- und Sittengemälde. Die Charakterisierung aller agierenden Personen, die sich auf ein ausgewähltes Minimum beschränken, ist ihm großartig und vor allem glaubwürdig gelungen. Der Autor schafft das Phänomen, dass man als Leser in eine andere Zeit versetzt wird und meint, die gepuderten Perücken riechen und das Rascheln der Reifröcke hören zu können.

Doch trotz der historischen Staffage, der feinen Accessoires und der wohltuend beiläufig eingeflochtenen geografischen Kulisse geht es Funke hauptsächlich um den Menschen Niccolò Paganini, seine seelischen Befindlichkeiten, sein körperliches Leiden und die Liebe zu seinem Sohn und zur Musik. Dies weiß er mit einfühlsamen und emotionalen, jedoch nie kitschigen Beschreibungen plastisch und kontrastreich zu schildern. Zuweilen legt er dabei ein furioses Tempo vor, spitzt zu oder verzögert, lässt ein Thema nicht selten in feuriger Leidenschaft und lodernder Erregung enden, so dass man meint, Paganini selbst führe den Stift.

Fazit:
Funkes Stil kann durchaus mit dem Geigenspiel des Maestros kongruieren.
Ein großartiger kleiner Roman über und eine Hommage an den "Zaubergeiger" aus Genua - Niccolò Paganini.

(Heike Geilen; 12/2008)


Klaus Funke: "Der Teufel in Dresden. Ein Paganini-Roman"
dtv, 2009. 139 Seiten.
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Klaus Funke wurde 1947 geboren.

Weitere Bücher des Autors:

"Zeit für Unsterblichkeit. Ein Rachmaninow-Roman"
Sergej Rachmaninow! Wer kennt nicht die kraftvoll romantischen Klänge seiner Klavierkonzerte? Die Musik dieses Mannes ist unsterblich geworden. Aber wer kennt Rachmaninows Leben? Seine Ängste, Zweifel, Freuden und Leiden und die Geheimnisse seines Herzens?
Der Roman rafft die ersten 35 Lebensjahre des Musikers und Komponisten, so atemlos sie waren, wie in einem Film zusammen. Der Sohn eines russischen Landadeligen, 1873 geboren, wächst im Wirbel der Umwälzungen in Russland zur bewunderten Jungberühmtheit heran, wird aus der Heimat herausgeschleudert ins europäische Exil, ins Schicksal des schließlich ruhe- und heimatlosen Weltkünstlers. Faszinierend, welchen Zeitgenossen er begegnet, Tschaikowski, Rubinstein, Rimski-Korsakow, Tolstoi, welche Kunst- und Musikmetropolen er berührt, Paris, London, New York, Moskau und Dresden vor allem, und mit welch magischer Kraft er bedeutende Werke schafft.
Ein farbenreiches Bild der Zeit entsteht, ein fesselndes Panorama von Jahrzehnten des Umbruchs, in denen sich ein wundersames Musikerschicksal zur Unsterblichkeit hocharbeitet. (Faber & Faber)
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"Der Abschied oder Parsifals Ende"
Mit dem Roman "Der Abschied oder Parsifals Ende" legte Klaus Funke das erste deutschsprachige belletristische Werk über den genialen Musiker Hans von Bülow vor. Wieder gelingt es dem Autor mit großem erzählerischem Atem und hoher Sachkenntnis den Leser in seinen Bann zu schlagen.
Hans von Bülow, der Protagonist des Romans, von dem wir kein Tondokument oder gar einen Film besitzen, war dennoch der erste moderne Stardirigent der europäischen Musikgeschichte und zugleich auch ein fabelhafter Pianist, lebte er heute, so würde er in einer Reihe mit Ashkenazy, Rattle, Barenboim oder Muti genannt werden. Hans von Bülow hat neben Engagements in München, Hannover, Hamburg und Berlin, in Meiningen von 1880 bis 1885 die Intendantur der Herzoglichen Hofkapelle innegehabt. Diese Zeit, in der er dieses Orchester zu Weltruhm führte, war zugleich auch seine widersprüchlichste Schaffens- und Lebenszeit. Er flüchtete nach der Ehe-Katastrophe mit der Liszt-Tochter Cosima, die ihm Richard Wagner abspenstig gemacht hatte, in eine zweite Ehe (mit Marie Schanzer, einer Schauspielerin am Meininger Theater), wurde ein enger Freund von Johannes Brahms, und erlebte vom Spätsommer 1882 bis zum Sommer 1883 seinen tiefsten menschlichen und gesundheitlichen Zusammenbruch, der seinen erschütternden Höhepunkt im Februar 1883 mit der Nachricht vom Tode Richard Wagners erreicht. Nur sein unbändiger Wille, sein missionarischer Eifer, sein Wahn der Musik richtet ihn wieder auf.
Aber er nimmt, trotz europäischer Erfolge als Dirigent und Orchesterleiter, in diesen Jahren zugleich auch Abschied. Abschied vor allem von Richard Wagner, seinem ursprünglichen Idol, Abschied von der Wagnerschen Kunst- und Musikauffassung, und wendet sich immer stärker Beethoven und Brahms zu, die er in eine Reihe mit dem großen Bach stellt.
Und, obwohl er seine Frau aufrichtig liebt, hofft Bülow, wie in einem Aufflackern seiner Lebensenergie, während eines Kuraufenthaltes mit Cecile Mutzenbecher ein letztes Mal Liebesrausch und Sinneslust zu finden.
Hans von Bülow ist eine seltsam tragisch-dramatische Figur, beinahe "ein Ritter von der traurigen Gestalt". Ein Mann, ein Künstler, der polarisiert, der abstößt und anzieht, immer wieder, und auch heute noch. Das Buch zeichnet diesen Mann und einen kleinen Wegabschnitt seines Lebens. Es ist ganz bewusst kein biografischer Text, sondern die Sage von einem Menschen, dem Sieger und Verlierer, dem großen Musiker Hans von Bülow. (Faber & Faber)
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"Am Ende war alles Musik"
Klaus Funke erzählt vom Leben und Sterben des bedeutenden Musikpädagogen Friedrich Wieck, dem Vater von Clara Schumann, und folgt Johannes Brahms in die Steiermark, wo er während eines Sommerurlaubs die Anfänge seiner 4. Sinfonie komponiert. Im Widerschein dieser begnadeten Musiker und ihrer Suche nach einem alltäglichen Glück spiegelt sich nicht nur das 19. Jahrhundert und seine Kultur. In Funkes virtuosen Novellen leuchtet allenthalben auch das tragische Schicksal Robert Schumanns auf. (dtv)
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