Iwan Bunin: "Der Sonnentempel"

Literarische Reisebilder


"Durch das eiserne Gitter vor dem winzigen Fenster schimmerte bleich der Mondhimmel hinein. In der dämmrigen, heißen Zelle schwirren lautlos die Moskitos.
Die Wanzen von Tiberias hingegen werden sogar in den Reiseführern erwähnt ... Doch alle Augenblicke sage ich mir: Ich bin in Tiberias! Diese Nacht war eine der glücklichsten in meinem ganzen Leben."


Der Schweizer Dörlemann Verlag hat es sich zusammen mit der Übersetzerin Dorothea Trottenberg und dem Konstanzer Literaturwissenschaftler Thomas Grob als Herausgeber zur Aufgabe gemacht, in den nächsten zehn Jahren die Werke des im deutschen Sprachraum bislang eher unbekannten russischen Schriftstellers Iwan Bunin zu veröffentlichen.

Iwan Bunin wurde am 22. Oktober 1870 in Woronesch geboren, 1920 emigrierte er nach Paris. Am 10. Dezember 1933 erhielt er als erster russischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur. Er starb am 8. November 1953 im französischen Exil und liegt auf dem Russischen Friedhof von Sainte-Geneviève-des-Bois begraben.
In "Verfluchte Tage. Ein Revolutionstagebuch" hat Bunin seine Erfahrungen mit dem Ersten Weltkrieg, der Revolution und dem Bürgerkrieg in Russland zu Papier gebracht .

Iwan Bunin ist Zeit seines Lebens immer gern gereist. Zunächst allein, später mit seiner Frau Wera Muromzewa. Der vorliegende, über 400 Seiten fassende Leinenband vereinigt Bunins literarische Reiseerzählungen, die er über einen langen Zeitraum seines Schaffens hinweg verfasst hat. Er beginnt mit dem Zyklus "Der Sonnentempel", der dem Buch auch seinen Titel gab. Diese Reiseberichte sind in zweifacher Hinsicht ein Lesegenuss: Zum Einen beschreiben sie die Art des Reisens zu Anfang des 20. Jahrhunderts, bringen den Leser gewissermaßen in Länder, die heute anders heißen, und gewähren Einblicke in Kulturen, Religionen, Sitten und Landschaften, die heute in einer modernisierten Welt so nicht mehr zu erleben und zu erfahren sind.
Zum Anderen bietet sich dem Leser der Genuss an der ausdrucksstarken poetischen Sprache Bunins, mit der er den besonderen Zauber und die Atmosphäre der aufgesuchten Orte in einer Gegend, die schon seit Jahrhunderten europäische Schriftsteller anzieht, abbildet.

Der Band enthält überdies weitere Reiseerzählungen aus den Jahren 1897 bis 1924, die einen begeisterten und begeisternden Reisenden zeigen, dessen größte Entbehrung in seiner durch das Exil gewonnenen Freiheit war, nach der Emigration nach Frankreich nicht mehr reisen zu können, weil ihm viele Grenzen verschlossen waren.


Weitere in der ambitionierten Edition geplante Veröffentlichungen sind: "Das Leben Arsenjews" (Roman), "Am Ursprung der Tage" (Frühe Erzählungen), "Das Dorf. Suchodol", "Ein letztes Wiedersehen" (Erzählungen 1909 bis 1914), "Der Herr aus San Francisco" (Erzählungen 1915 bis 1919), "Nachts auf dem Meer" (Erzählungen 1920 bis 1930), "Dunkle Alleen" (Erzählungen).

(Winfried Stanzick; 08/2008)


Iwan Bunin: "Der Sonnentempel. Literarische Reisebilder"
Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg.
Herausgegeben von Thomas Grob.
Dörlemann, 2008. 410 Seiten.
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Weitere Bücher des Autors (Auswahl):

"Verfluchte Tage. Ein Revolutionstagebuch"
Erstmals auf Deutsch liegt mit "Verfluchte Tage" das Tagebuch Iwan Bunins aus der Zeit des
russischen Bürgerkriegs vor. Durch Rückgriffe auf die vorrevolutionäre Zeit und die Tage der Februarrevolution entsteht ein bedeutendes - und in seiner Vehemenz singuläres - Zeitzeugnis, in dem Bunins ablehnende Haltung gegenüber der Revolution unverhüllt zum Ausdruck kommt.
"Verfluchte Tage" ist kein Tagebuch im üblichen Sinn, sondern ein streng durchkomponiertes literarisches Werk. Es fußt auf den Notizen, die Bunin unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse 1918/19 in Moskau und Odessa gemacht hat. Ereignisse, die nicht nur für sein Heimatland, sondern auch für sein persönliches Schicksal entscheidend waren und dazu führten, dass er 1920 Russland für immer verließ. "Okajannye dni" erschien in Buchform erstmals 1935 bei "Petropolis" in Berlin und gilt als ein Schlüssel zum Verständnis Bunins. (Dörlemann)
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"Ein unbekannter Freund"
Die Meistererzählung "Ein unbekannter Freund", abgerundet durch die Nobelpreis-Tage, Bunins Schilderung seiner Reise nach Stockholm im Jahre 1933.
"... habe zufällig Ihr Buch gekauft und las ununterbrochen auf der Rückfahrt zur Villa ... und ich las, las und fühlte mich, ich weiß nicht, warum, fast qualvoll glücklich." Eine passionierte Leserin kauft zufällig ein Buch ... und findet sich selbst im Geschriebenen wieder. Verzaubert schreibt sie an den ihr unbekannten, doch so vertrauten Freund, den Autor. Wird er ihr antworten? (Dörlemann) zur Rezension ....
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