Zaungast und die fahnenflüchtige Idee

Zaungast sprach: es werde Licht!
Und es ward kein Licht.


   Im Hochsicherheitstrakt vorsorglich internierter Gemeinheiten und Gefahr bringender Illusionen herrschte heilloser Aufruhr sowie ein geradezu erbarmenswürdiges Chaos. Rat- und rastlos irrten die Hüter und Wächter der einbalsamierten Wahnideen, des für erhaben erachteten menschlichen Gedankengutes, durch die finsteren Korridore ihres Luftschlosses und wußten nicht mehr ein noch aus.

   Eine Idee - so schien es - war entflohen aus dem streng bewachten Gehege der Illusionen. Obzwar niemand dies mit Bestimmtheit behaupten konnte, und erst recht niemand sagen konnte, um welche Idee es sich dabei überhaupt handelte, waren die Köpfe der Verantwortlichen von Panik und Verzweiflung in Beschlag genommen.

   Der insgeheim seit langem befürchtete, doch immer wieder konsequent aus dem Bewußtsein verdrängte geistige Supergau war somit eingetreten. Supergau deswegen, weil der bloße Schein in geistiger Hinsicht stets als gefährlicher einzustufen ist, als die unumstößliche Gewißheit. An den Auswirkungen der Idee auf das Leben, auf die Natur, auf die Menschheit sowie auf den weiteren Verlauf der Weltgeschichte würde man vielleicht später Rückschlüsse ziehen können auf ihre Identität. Aber dazu durfte es erst gar nicht kommen. Nein, auf gar keinen Fall, unter gar keinen Umständen durfte man es dazu kommen lassen.

   Als der Gralshüter des Trugs, der Chef der am strengsten bewachten Internierungsanstalt dieser Erde, dessen Identität wir nicht preisgeben dürfen, Kommissar Zaungast seine Aufwartung machte, um ihn um Beistand in dieser heiklen Angelegenheit zu bitten, da führte Zaungast gerade höchst interessante, wenn auch mehr monologisierende Zwiesprache mit seinem Tresor.

   "Wo gibt es einen sichereren Platz auf dieser Welt, als in dieser rechteckigen Höhlung, die mich hier so sphinxhaft anlächelt? Nirgends, kann ich mit Fug und Recht behaupten. Grüner Unfug, ausgehöhlt und verdammt. Das ist schon kein Perfektionismus mehr, das ist ... äh ... schiere Perfektomanie."

   "Großartig, Herr Kommissar", sprach der Gralshüter des Trugs spontan seinen Beifall aus, "ich sehe, Sie sind mein Mann, meine und unser aller Rettung."

   Zaungast wandte sich um. "Wer sind Sie? Worum geht es?"

   Der Mann stellte sich vor und breitete sein Dilemma vor Kommissar Zaungast aus.

   "Also, wenn ich Sie recht verstanden habe, dann herrscht noch völlige Unklarheit darüber, ob Ihnen überhaupt eine Idee ausgebüchst ist?" erkundigte sich Zaungast.

   "So ist es, Herr Kommissar."

   "Was veranlaßt Sie also zu glauben, es sei so geschehen, wie Sie es ... äh ... befürchten?"

   "Die Unklarheit, Herr Kommissar, die Unklarheit. Sie müssen wissen, Herr Kommissar, in unserem Hochsicherheitstrakt herrschte stets eine geradezu diktatorische Klarheit."

   "Und worin äußerte sich diese ... äh ... Klarheit?"

   "Nun, das Denken lief in klaren Bahnen, es wurden keine Fragen gestellt, alle waren zufrieden, niemand machte einen Unterschied zwischen Glauben und Wissen, und so weiter, und so weiter."

   "Und nun werden Fragen gestellt?" fragte Zaungast.

   "Ja, Herr Kommissar, unter uns gesagt, es ist eine wahre Anarchie des Zweifelns ausgebrochen."

   "Und verantwortlich für diese Anarchie ist die fahnenflüchtige Idee?"

   "Das steht außer Zweifel, Herr Kommissar."

   "Aha", sagte Zaungast, "damit hätten wir der Anarchie doch schon wieder wertvolles Terrain abgerungen. Auf welche Fahne hat diese Idee eigentlich ihren Eid geschworen?"

   "Wir wissen ja nicht, um welche Idee es sich handelt, Herr Kommissar."

   "Na ja", meinte Zaungast, "egal, jetzt geht es erst einmal darum, den Ausreißer zu finden. Wie Ihnen vielleicht bekannt sein dürfte, verfüge ich über ein weltumspannendes Netz von Agenten, über ... äh ... ja, über Zaungäste an allen strategisch wichtigen Punkten. Meine Leute schauen über den Zaun, hinter den Zaun und unter den Zaun hindurch, das heißt also, ihnen bleibt nichts verborgen."

   "Großartig, Herr Kommissar."

   "Seien Sie also versichert, daß wir Ihre Idee finden und zurückbringen werden, oder aber unschädlich machen, je nach Charakter und Gefährdungspotential der Idee. Und nun muß ich Sie dringend bitten, zu gehen, damit ich unverzüglich die notwendigen ... äh ... Maßnahmen einleiten kann. Tschüss dann."

   "Ja, auf Wiedersehen, Herr Kommissar, ich danke Ihnen vielmals."

   "Bitte, bitte, keine Ursache."

   Zaungast jagte sofort einen Funkspruch durch den Äther: An alle Agenten. Nicht definierte Idee vermutlich aus Hochsicherheitstrakt entflohen. Kann aber auch sein, daß nicht. Gemeingefährliche Unklarheit, die den Zweifel nährt. Epidemischer, möglicherweise in allgemeine Anarchie mündender Zweifel droht allenthalben. Gebe zunächst folgende Instruktionen: Brillengläser putzen, Hörgeräte installieren, Nasenspray bereithalten, siebten Sinn aktivieren. Da höchste Wachsamkeit erforderlich, besteht Dringlichkeitsstufe eins. Sämtliche die Sache betreffenden Informationen bitte umgehend direkt an mich melden. Kommissar Zaungast.

   Der erste Funkspruch ging noch am gleichen Nachmittag ein. - Hier Agent Z2. Habe soeben Posten bezogen vor Patentamt, da besagte Idee versuchen könnte, sich patentieren zu lassen.

   - Vortrefflich, Z2. Halten Sie die Stellung dort und halten Sie mich weiter auf dem laufenden. Zaungast.

   Weitere Funksprüche gingen ein.

   - Hier Agent Z4. Bin auf unbeschriebenes Blatt gestoßen, flatternd im Wind eigener Mutmaßungen. Trotz sofortiger Verfolgung des potentiellen Ideenträgers konnte ich des Blattes noch nicht habhaft werden. Bin dem Objekt aber hart auf den Fersen.

   - Gut so, Z4. Bleiben Sie am Blatt. Verlieren Sie es nicht aus den Augen.

   - Hallo, Herr Kommissar, habe soeben Wind bekommen aus einer wenig honorigen Körperöffnung eines durch und durch honorigen Mannes, dem ich aufgrund dieser Peinlichkeit Anonymität zugesichert habe. Die Wohlhonorigkeit dieser integren Persönlichkeit läßt meines Erachtens ganz klar auf ein Fremdverschulden schließen. Halte es durchaus für möglich, daß fahnenflüchtige Idee hier in der Tarnwolke eines Furzes zu entkommen versuchte. Hätte sie beinahe dingfest machen können. Bitte nun um neue Instruktionen. Agent Z8.

   - Hören Sie, Z8. Ich teile Ihre Vermutung. Versuchen Sie, sich die Duftnote einzuprägen. Die zugesicherte Anonymität hingegen ist umgehend aufzuheben.

   - Habe verstanden, Herr Kommissar. Bei der honorigen Persönlichkeit handelt es sich um die Bildungsministerin. Ende.

   - Hier Zaungast. Aber Sie sprachen eben noch von einem Mann, Z8.

   - Z8 an den Kommissar. Das ist richtig. Dadurch habe ich aber in gewisser Hinsicht die zugesicherte Anonymität gewahrt.

   - Ein kluger Schachzug, Z8. Alle Achtung! Zaungast.

   - Hier Agent Z1. Mehrere staatliche und kommunale Behörden haben augenscheinlich ihre Schlafmützen abgelegt und der Altkleidersammlung als Spende übergeben. Finde dies höchst bemerkenswert und verdächtig.

   - Sie haben völlig recht, Z1. Recherchieren Sie auf jeden Fall in dieser Richtung weiter. Zaungast.

   - Hallo, Herr Kommissar, hier noch einmal Z4. Habe Es oder Sie oder Ihn nicht aus den Augen verloren, wohl aber aus dem Sinn.

   - Hier Zaungast. Was soll das heißen, Z4?

   - Ich weiß überhaupt nicht mehr, wen oder was ich da eigentlich verfolge. Bin ziemlich ratlos. Z4.

   - Sie sind ein ausgemachter Trottel, Z4!

   - Z11. Melde mich direkt vom Parlamentsgebäude. Ein Zeuge hat hier angeblich den Hauch einer undefinierbaren Idee vorbeistreichen sehen.

   - Am Parlamentsgebäude? Das kann nicht sein. Zaungast.

   - Vielleicht doch. Es sind nämlich gerade Parlamentsferien. Die Bude steht so gut wie leer. Z11 bittet um neue Instruktionen.

   - Seien Sie weiterhin wachsam, Z11. Und falls die Bildungsministerin sich als Mann dort in der Nähe aufhalten sollte, prüfen Sie vor allem die olfaktorische Beschaffenheit der Luft.

   - Danke, habe verstanden. Z11.

   - Hier Z7, Herr Kommissar. Befinde mich auf dem Zentralfriedhof. Etwas, das einer Idee ähneln könnte und einen eindeutig futuristischen Charakter besitzt, hat hier starke atmosphärische Störungen ausgelöst.

   - Hier Zaungast. Futuristischer Charakter, sagten Sie? Auf dem Friedhof, da, wo das Perfekt und das Plusquamperfekt dominieren? Sehr verdächtig. Könnten Sie dieses Etwas etwas näher beschreiben?

   - Leider nicht möglich, Herr Kommissar, da es sich um ein völlig undefiniertes, unidentifiziertes Denkobjekt handelt. Hebe es daher Udo genannt.

   - Gratulation, Z7! Sie haben ihm oder ihr damit unbewußt eine Identität gegeben. Erstklassige Arbeit, Z7. Und bleiben Sie dran. Zaungast.

   - Danke, Herr Kommissar, habe verstanden. Bis auf weiteres. Z7.

   - Zaungast an alle. Identifikation fahnenflüchtiger Idee gelungen. Es ist Udo. Sämtliche Maßnahmen ermittlungstechnischer Art konzentrieren sich ab sofort auf Udo. Ende.

   Kommissar Zaungast nahm den Telefonhörer auf und wählte die Geheimnummer, die der Gralshüter des Trugs ihm anvertraut hatte.

   "Ja, bitte", meldete der sich höchstpersönlich.

   "Kommissar Zaungast am Apparat. Mein Herr, die Idee ist eingekreist, ein Entkommen somit unmöglich. Wir haben sie auch bereits identifiziert. Sie heißt ... äh ... Udo."

   "Udo?" äußerte der oberste Hüter des Trugs zweifelnd, "ich wüßte nicht, Herr Kommissar ..."

   "Aber ich weiß", fiel ihm Zaungast ins Wort. "Es ist Udo und basta!" Zaungast hatte das Gespräch beendet. Der Kommissar rief seinen Assistenten, den Herrn Schwanz zu sich ins Büro.

   "Was neues von der Idee, Chef?"

   "Ja, Schwanz, sie heißt Udo, und sofern wir durch unsere Agenten unterrichtet sind, hält sie sich zur Zeit noch in der Zentralstadt auf. Ein Ausbrechen Udos über die Grenzen der Zentralstadt hinaus muß demnach unbedingt ... äh ... verhindert werden."

   Zaungast schickte einen weiteren Funkspruch durch den Äther.

   - An alle Standesämter der Zentralstadt ergeht folgende Weisung: Der Name Udo ist als Taufname ab sofort für unbestimmte Zeit gesperrt. Anordnung des Polizeipräsidenten. Elternteile oder Taufpaten, die auf dem Namen Udo insistieren, sind unverzüglich der zuständigen Polizeidienststelle oder aber direkt Kommissar Zaungast zu melden.

   "Wie wollen Sie dieser Idee eigentlich habhaft werden, Chef?" fragte Herr Schwanz.

   "Ich werde ihr eine Falle stellen", erklärte Zaungast mit überlegenem Grinsen.

   Ein neuer Funkspruch ging ein.

   - Hier Agent Z1. Ärzte und Pflegepersonal der psychiatrischen Privatklinik Professor Zwiebel registrieren vermehrt Spuren eines unidentifizierbaren Denkobjekts, das Patienten dort in höchste Verwirrung stürzt. Allein gestern wurden in der Klinik viereinhalb Selbsttötungen registriert. Könnte sich dabei um den gesuchten Udo handeln. Recherchiere weiter. Z1.

   - Hallo Z1, hier Kommissar Zaungast. Haben Sie Informationen über die augenblickliche Selbstmordrate in der Gesamtbevölkerung? Und was ist nun eigentlich mit den behördlichen Schlafmützen?

   - Hier Z1. Das Gerücht hat sich leider bestätigt. Außerdem wurden jetzt auch noch die Trantüten eingesammelt und an die Altpapier-Verwertung überstellt. Zur Selbstmordrate kann ich nur sagen: deutlich ansteigend, beängstigend. Ist aber möglicherweise mondphasenbedingt. Z1.

   "Schwanz, ich denke eher, daß Udo dafür verantwortlich ist", wandte sich Zaungast an seinen Assistenten.

   "Das denke ich auch, Chef."

   - Hallo! Hier noch mal Z1. Herr Kommissar, wie lauten Ihre weiteren Befehle?

   - Setzen Sie sich mit Professor Zwiebel in Verbindung, tragen Sie ihm eine Schachpartie an und setzen Sie ihn matt.

   - Hier Z1. Nach dem wievielten Zug, Herr Kommissar?

   - Nach dem einundvierzigsten. Zaungast, Ende.

   - Hier Z2. Stehe immer noch vorm Patentamt. Habe das Amt vorsorglich schließen und die Eingangstür mit einer amtlichen Plakette versiegeln lassen.

   - Hier Zaungast. Recht so, Z2. Zaungast an alle: Udo könnte versuchen, ein Vakuum auszufüllen, einen Hohlkopf beispielsweise, vielleicht versucht er auch, in eine Gesetzeslücke zu stoßen oder die Ideenlosigkeit auszufüllen, die im gegenwärtigen Literaturbetrieb herrscht. Beobachten und ermitteln Sie bitte auch in dieser Richtung.

   - Z7. Hier Z7. Achtung! Z7 an den Kommissar. Dringend!

   - Ich höre, Z7.

   - Absolut ungewöhnliche Erscheinung gesichtet. Eine zwielichtige Gestalt gießt mit einer großen Schöpfkelle weißes Licht in eine trübe Laternenfunzel. Frage: Ist es Udo?

   "Die Weisheit!" entfuhr es Zaungast. "Schwanz, ich habe es geahnt, es ist die Weisheit. Das fehlte uns noch, daß sie den Leuten Lichter aufsteckt."

   - Achtung Z7. Hier Zaungast. Ja, es ist Udo. Seien Sie bitte äußerst vorsichtig. Denken Sie nicht. Seien Sie ganz einfach mal geistlos, was einem Polizeiagenten ja nicht sonderlich schwer fallen dürfte. Und geben Sie mir Ihre Position durch.

   - Hier Z7. Befinde mich in unmittelbarer Nähe zum Botanischen Garten. Uhrzeit 21 Uhr 47.

   - Gut, Z7. Halten Sie dort die Stellung. Beobachten Sie weiter, aber ziehen Sie keine eigenmächtige Schlüsse. Bin schon unterwegs. Zaungast.

   "Botanischer Garten", richtete Zaungast das Wort an Herrn Schwanz, "das Luder versucht augenscheinlich, die ... äh ... Pflanzenseele zu kontaminieren, nachdem ihre oder seine diesbezüglichen Bestrebungen in zoologisch-anthropologischer Richtung nicht gefruchtet haben. Machen wir uns also auf den Weg zum ... äh ... Botanischen Garten."

   Zaungast und Schwanz stiegen in ihre Dreckschleuder, ein der Technik und Strategie des Tintenfisches nachempfundenes Vehikel, das potentiellen Verfolgern das Leben schwer machen sollte, indem es aus speziellen Düsen dicke Wolken von Schmutzpartikeln in die Umwelt spie.

   "Dreckschleuder auf höchste Stufe!" gebot Zaungast.

   Dies beherzigte Herr Schwanz nur allzu gerne und gleichzeitig trat er aufs Gaspedal. Nach einer knappen Viertelstunde hatten sie den Botanischen Garten erreicht. Zaungast hielt Ausschau nach Agent Z7. In einer dunklen Nische zwischen zwei Häuserblocks entdeckte er ihn. Mit scheinbar unbefangener Lässigkeit schlenderte der Kommissar auf die Häusernische zu, während Herr Schwanz sich noch ein wenig abseits hielt.

   "Wo ist es, wo ist Udo?" fragte Zaungast seinen Agenten.

   Dieser deutete mit dem Finger auf eine nahebei stehende Straßenlaterne, von der ein diffuses Licht auf die Umgebung ausstrahlte.

   "Ich sehe nichts", sagte Zaungast.

   "Die Erscheinung hat sich aufgelöst und ist in diese Laterne dort eingesickert, Herr Kommissar. Wie Milch, wie unstoffliche Milch ist sie dort hineingeflossen."

   "Erstaunlich, und Sie meinen, sie ... äh ... Udo ist noch da drin?"

   "Ganz bestimmt, Herr Kommissar. Und wenn Sie nahe genug herangehen an die Laterne, dann können Sie in der Glühbirne recht deutlich eine Gestalt hocken sehen."

   "Die Weisheit", flüsterte Zaungast beinahe ehrfurchtsvoll. "Sie wählt sich eine elektrische Glühbirne als Refugium statt einer menschlichen ... äh ... Birne und sie tut gut daran." Auf den Fußballen wippend pantherte sich Zaungast Schritt für Schritt an die Laterne heran.

   "Verdammte Tat!" entfuhr es ihm. "Da hockt sie tatsächlich."

   Wir wissen natürlich nicht, ob Kommissar Zaungast wahrhaftig eine Gestalt dort in der Laterne gesehen hat, oder ob er nur vorgab, aus irgendeinem nur ihm bekannten Grunde, sie dort zu sehen. Herr Schwanz jedenfalls konnte in oder an dieser Glühbirne nichts besonderes entdecken und eine Gestalt schon gar nicht. Vielleicht hatte den Kommissar ja auch nur eine Halluzination genarrt. Und sind nicht Halluzination und Weisheit letzten Endes ein und dasselbe?

   'Wie krieg ich die da aus der Funzel raus und in meinen Tresor rein?' überlegte Zaungast. Zunächst aber ließ er ein paar Experten von den Stadt- und Elektrizitätswerken herkommen. Die mußten auf Geheiß Kommissar Zaungasts die komplette Laterne samt Laternenpfahl abmontieren und den Laternenkopf noch durch einen Betonmantel hermetisch verschließen. Vorher hielt der Kommissar aber noch eine kurze Ansprache an die Laterne.

   "Udo, im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie wegen Fahnenflucht, Unruhestiftung und ... äh ... subversiver Umtriebe in der unbewußten Tiefe der ... äh ... einiger Menschen." Dann traf Zaungast seine weiteren Anordnungen. "Schwanz, Sie und ich, wir zwei, wir laden uns das Ding auf die Schultern und transportieren es so zum Polizeipräsidium."

   "Ein langer Weg, Chef, mit dem schweren Ding auf der Schulter", warf Schwanz mit eher skeptischem Blick ein.

   "Die Jungs von den Stadtwerken werden uns tragen helfen", erklärte Zaungast.

   "Kommt nicht in Frage. Ich schleppe das Teil nicht zum Polizeipräsidium", protestierte einer der Männer lautstark.

   "Du tust, was ich dir sage, sonst gibt es was auf die Fresse!" drohte Zaungast dem Widerborst.

   Murrend fügte sich der Mann in das Unausweichliche.

   "Hebt an!" kommandierte Kommissar Zaungast. "Und hoch!" Die Laterne landete sicher auf fünf Männerschultern. Dann setzte sich das Quintett in Bewegung, der Kommissar ging voran, das rechte Ohr dicht am Munde der Weisheit, Herr Schwanz ging am Schwanz, dazwischen gingen die drei von den Stadtwerken.

   "Chef, ich fürchte, wir werden mit unserem Aufzug einiges an Aufsehen erregen in der Stadt", gab Herr Schwanz zu bedenken.

   "Wir tun so, als wäre heute St. Martinstag, das wird die Gemüter beruhigen. Sie kennen doch alle dieses Lied, das die Kinder zu St. Martin ... äh ... ich stimme mal einfach an."

   Kommissar Zaungast sang: "Ich gehe mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir."

   Wohl oder übel mußten die anderen Herren in den Gesang einstimmen. Es wurde ein langer beschwerlicher Weg bis zum Polizeipräsidium. Einige Male mußte der durch seinen Betonkopf noch schwerer gewordene Laternenpfahl abgesetzt werden, um den Männern eine Verschnaufpause zu gönnen. Manchmal glaubte Zaungast, Flüsterstimmen zu vernehmen, die ganz leise und gedämpft durch den Beton an sein Ohr drangen. Er war sich dessen aber nicht ganz sicher, und so schwieg er sich darüber aus.

   Es war schon weit nach Mitternacht, als die Laternenträger endlich am Polizeipräsidium eintrafen. Die Erschöpfung war ihnen anzumerken, und selbst Kommissar Zaungast zeigte sich erleichtert, als diese physisch wie geistig doch so schwere Bürde von seinen Schultern genommen wurde. Nun mußte das Ding aber noch einige Treppenstufen bis in Zaungasts Büro transportiert werden, doch das konnten jetzt andere übernehmen.

   Oben wartete bereits der Hauptwachtmeister des Trugs, um seine fahnenflüchtige Idee wieder in Gewahrsam zu nehmen. Er staunte nicht schlecht, als eine betonummantelte Straßenlaterne ins Büro geschleppt wurde.

   "Ich habe ihn einbetoniert", erklärte Zaungast stolz.

   "Wen?"

   "Udo, das unidentifizierte Denkobjekt, doch jetzt ist es endlich identifiziert. Es ist also nicht mehr Udo, es ist Udine; Unsinn, Demenz, Ignoranz, Null- und Nichtigkeit und ... äh ... Elend, der Drudenfuß der Weisheit."

   "Großartig, Herr Kommissar. Ich dachte mir schon, daß es die Udine ist. Als Sie von Udo sprachen, war ich doch ... ehrlich gesagt ... zunächst etwas perplex, aber die verheerende Unruhe, von der die bei uns internierten Intelligenzbestien nach Ausbruch des Supergaus ergriffen wurden, die gab mir dann doch zu denken. Ja, ja, es ist die Udine. Pardon, Herr Kommissar, sagten Sie Undine oder Udine?"

   "Udine sagte ich. Undine ist eine Gestalt bei de la Motte Fouque."

   "Ach ja", sagte der Gralshüter des Trugs.

   Hammer und Meißel rückten nun mit der in diesem Fall gebotenen Behutsamkeit dem Betonmantel zu Leibe. Alle Anwesenden blickten gespannt auf die Lampe, die nun Stück für Stück zum Vorschein kam, doch der Knoten der Spannung löste sich geradewegs in zwei schlaffe Enden der Enttäuschung. Da war nichts zu sehen, nichts außer der unscheinbaren Glühbirne hinter der Glasfassade der Straßenlaterne. Kommissar Zaungast öffnete die Lampe, drehte die Glühbirne aus ihrer Fassung und schraubte sie in seine Schreibtischlampe, wo sie überraschenderweise auch hinein paßte.

   "Wir kommen nun zur Beweisführung", sagte er, "ja, wir verschaffen uns endgültige Gewißheit über ihre Identität." Zaungast knipste den Schalter an. "Möge sie noch ein letztes Mal leuchten, bevor ich sie für immer wegsperre. Licht!" sagte er. Aber weder das Umlegen des Schalters noch Zaungasts mündlich hervorgebrachter Befehl vermochten die Birne zum Leuchten zu animieren.

   "Sehen Sie, sie übt sich in weiser Zurückhaltung", kommentierte Zaungast, "was braucht es da noch weiterer ... äh ... Indizien? Meine Herren, hier haben Sie den unumstößlichen Beweis."

   Doch niemand verstand den Kommissar so richtig. Der Oberwächter gefahrbringender Illusionen zeigte sich überdies nicht ganz einverstanden mit Zaungasts Vorhaben, die Weisheit für sich zu vereinnahmen, doch er übte sich schließlich in nur verhaltenem Protest, als Kommissar Zaungast die offensichtlich defekte Glühbirne stolz seinem Tresor einverleibte.

   "Und hiermit schließe ich dich weg, und von nun an bis in alle Ewigkeit sollst du unter Verschluß bleiben zum Wohle der Menschheit und zum Ruhme Kommissar Zaungasts. Verdammte Tat!" sagte er noch und die Sache war besiegelt.

   Seit diesen denkwürdigen Ereignissen glaubt Kommissar Zaungast sich im Besitz von 'der Weisheit letzter Schluß', seither kämmt er noch rigoroser gegen den Strich, schwimmt er noch konsequenter gegen den Strom, seitdem wird er kaum noch von einem Menschen oder Leser verstanden, und manchmal versteht er sich selber nicht.

(Werner Fletcher)


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