Schneeweißchen und Rosenrot; 2002

Eine Überschreibung von Felix G.


Eine arme Alleinerziehende, die lebte einsam in einem Gemeindebau, und vor dem Gemeindebau war ein Garten, darin standen zwei Rosenbäumchen, davon trug das eine weiße, das andere rote Rosen; und sie hatte zwei Kinder, die glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß Schneeweißchen, das andere Rosenrot. Sie waren aber so brav und gesittet, dennoch so kommunikativ und lebendig, als je zwei Kinder auf der Welt gewesen sind: Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot. Rosenrot sprang lieber in den Gängen und Zimmern umher, suchte Freunde und fing Ameisen; Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr beim Putzen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war. Die beiden Kinder hatten einander so lieb, dass sie sich immer an den Händen fassten, sooft sie zusammen ausgingen; und wenn Schneeweißchen sagte: "Wir wollen uns nicht verlassen", so antwortete Rosenrot: "Solange wir leben, nicht", und die Mutter setzte hinzu: "Was das eine hat, soll's mit dem andern teilen." Oft liefen sie allein in der Stadt umher und sammelten leere Flaschen, aber kein Mensch tat ihnen etwas zuleid, sondern sie kamen vertraulich herbei: der Hausmeister aß ein Butterbrot mit ihnen, der Zeitungskolporteur wusste ihnen stets etwas zu erzählen, der Briefträger sprang ganz lustig vorbei, und die  Schreckschrauben blieben auf den Parkbänken sitzen und tratschen friedlich, was sie nur wussten. Kein Unfall traf sie - wenn sie sich in der Stadt verspätet hatten und die Nacht sie überfiel, so legten sie sich nebeneinander auf den Gehsteig und schliefen, bis der Morgen kam, und die Mutter wusste das und hatte ihretwegen keine Sorge. Einmal, als sie auf der Straße übernachtet hatten und das Morgenrot sie aufweckte, da sahen sie einen schönen Jüngling in einem weißen, glänzenden Gewand neben ihrem Lager sitzen. Er stand auf und blickte sie ganz freundlich an, sprach aber nichts und ging in den Park hinein. Und als sie sich umsahen, so hatten sie ganz nahe bei einer Baugrube geschlafen und wären gewiss hineingefallen, wenn sie in der Dunkelheit noch ein paar Schritte weitergegangen wären. Die Mutter aber sagte ihnen, das müsste ein Schülerlotse gewesen sein, der gute Kinder bewache.

Schneeweißchen und Rosenrot hielten die Wohnung der Mutter so reinlich, dass es eine Freude war hineinzuschauen. Im Sommer besorgte Rosenrot den Haushalt und stellte der Mutter jeden Morgen, ehe sie aufwachte, einen Blumenstrauß vors Bett, darin war von jedem Bäumchen eine Rose. Im Winter drehte Schneeweißchen die Heizung auf und stellte die Kaffeekanne auf den Tisch, und die Kanne war von Messing, glänzte aber wie Gold, so rein war sie gescheuert. Abends, wenn die Flocken fielen, sagte die Mutter: "Geh, Schneeweißchen, und sperr die Tür ab", und dann setzten sie sich an den Herd, und die Mutter nahm die Brille und las aus einem großen Buche vor und die beiden Mädchen hörten zu, saßen und aßen; neben ihnen lag eine Katze auf dem Boden, und hinter ihnen auf einer Stange saß ein weißer Sittich und hatte seinen Kopf unter den Flügel gesteckt.

Eines Abends, als sie so vertraulich beisammen saßen, klopfte jemand an die Türe, als wollte er eingelassen sein. Die Mutter sprach: "Geschwind, Rosenrot, mach auf, es wird ein Briefträger sein, der ein Paket bringt." Rosenrot ging und schob den Riegel weg und dachte, es wäre ein Postbote, aber der war es nicht, es war ein Versicherungsvertreter, der seinen Kopf zur Türe hereinstreckte. Rosenrot schrie laut und sprang zurück: die Katze miaute, der Sittich flatterte auf, und Schneeweißchen versteckte sich hinter der Mutter Bett. Der Vertreter aber fing an zu sprechen und sagte: "Fürchtet Euch nicht, ich tue Euch nichts zuleid, ich bin halb erfroren und will mich nur ein wenig bei Euch wärmen." "Sie armer Versicherungsvertreter", sprach die Mutter, "legen Sie sich an den Heizkörper." Dann rief sie: "Schneeweißchen, Rosenrot, kommt hervor, der Mann tut Euch nichts, er meint's ehrlich." Da kamen sie beide heran, und nach und nach näherten sich auch die Katze und der Sittich und hatten keine Furcht vor ihm. Der Mann sprach: "Ihr Kinder, klopft mir den Schnee ein wenig aus dem Mantel", und sie holten den Besen und kehrten dem Versicherungsvertreter den Mantel rein; er aber lehnte sich an den Heizkörper und brummte ganz vergnügt und behaglich. Nicht lange, so wurden sie ganz vertraut und trieben Mutwillen mit dem unbeholfenen Gast. Sie zausten ihm das Haar mit den Händen, setzten ihre Füßchen auf seinen Rücken und wälzten ihn hin und her, oder sie nahmen eine Reitgerte und schlugen auf ihn los, und wenn er brummte, so lachten sie. Der Mann ließ sich's aber gerne gefallen, nur wenn sie's gar zu arg machten, rief er: "Lasst mich am Leben, ihr Kinder. Schneeweißchen, Rosenrot, schlägst dir den Freier tot."

Als Schlafenszeit war und die andern zu Bett gingen, sagte die Mutter zu dem Versicherungsvertreter: "Sie können in Gottes Namen da am Heizkörper liegen bleiben, so sind Sie vor der Kälte und dem bösen Wetter geschützt." Sobald der Tag graute, ließen ihn die beiden Kinder hinaus, und er ging über den Schnee in die Stadt hinaus. Von nun an kam der Mann jeden Abend zu der bestimmten Stunde, legte sich an den Heizkörper und erlaubte den Kindern, Kurzweil mit ihm zu treiben, soviel sie wollten; und sie waren so gewöhnt an ihn, dass die Türe nicht eher zugeriegelt ward, als bis der Gesell angelangt war.

 

Als das Frühjahr herangekommen und draußen alles grün war, sagte der Versicherungsvertreter eines Morgens zu Schneeweißchen: "Nun muss ich fort und darf den ganzen Sommer nicht wiederkommen." "Wo gehen Sie denn hin, lieber Herr?" fragte Schneeweißchen. "Ich muss in die Zentrale und meine Wertsachen vor den bösen Kollegen hüten: im Winter, wenn die Erde hartgefroren ist, müssen sie wohl in ihren Büros bleiben und können sich nicht durcharbeiten, aber jetzt, wenn die Sonne die Erde aufgetaut und erwärmt hat, da brechen sie ein, steigen herauf, suchen und stehlen; was einmal in ihren Händen ist und in ihren Zimmern liegt, das kommt so leicht nicht wieder an des Tages Licht." Schneeweißchen war ganz traurig über den Abschied, und als es ihm die Türe aufriegelte und der Mann sich hinausdrängte, blieb er an dem Türhaken hängen, und ein Stück seines Pullovers riss auf, und da war es Schneeweißchen, als hätte es Gold durchschimmern gesehen; aber es war seiner Sache nicht gewiss. Der Vertreter lief eilig fort und war bald hinter den Häusern verschwunden.

Nach einiger Zeit schickte die Mutter die Kinder in den Supermarkt, Brot zu kaufen. Da fanden sie draußen einen großen Baum, der lag gefällt auf dem Boden, und an dem Stamme sprang zwischen dem Gras etwas auf und ab, sie konnten aber nicht unterscheiden, was es war. Als sie näher kamen, sahen sie einen arbeitslosen Schauspieler mit einem alten, verwelkten Gesicht und einem ellenlangen, schneeweißen Bart. Das Ende des Bartes war in eine Spalte des Baums eingeklemmt, und der Mann sprang hin und her wie ein Hündchen an einem Seil und wusste nicht, wie er sich helfen sollte. Er glotzte die Mädchen mit seinen roten feurigen Augen an und schrie. "Was steht Ihr da! Könnt Ihr nicht herbeigehen und mir Beistand leisten?" "Was hast du angefangen, kleines Männchen?" fragte Rosenrot. "Dumme, neugierige Gans", antwortete der Mann, "den Baum habe ich mir spalten wollen, um kleines Holz in der Küche zu haben; bei den dicken Klötzen verbrennt gleich das bisschen Speise, das unsereiner braucht, der nicht so viel hinunterschlingt als Ihr grobes, gieriges Volk. Ich hatte den Keil schon glücklich hineingetrieben, und es wäre alles nach Wunsch gegangen, aber das verwünschte Holz war zu glatt und sprang unversehens heraus, und der Baum fuhr so geschwind zusammen, dass ich meinen schönen weißen Bart nicht mehr herausziehen konnte; nun steckt er drin, und ich kann nicht fort. Da lachen die albernen glatten Milchgesichter! Pfui, was seid Ihr garstig!" Die Kinder gaben sich alle Mühe, aber sie konnten den Bart nicht herausziehen, er steckte zu fest. "Ich will laufen und Leute herbeiholen", sagte Rosenrot. "Wahnsinnige Schafsköpfe", schnarrte der Schauspieler, "wer wird gleich Leute herbeirufen, Ihr seid mir schon um zwei zu viel; fällt Euch nicht Besseres ein?" "Sei nur nicht ungeduldig", sagte Schneeweißchen, "ich will schon Rat schaffen", holte sein Taschenmesser aus dem Rucksack und schnitt das Ende des Bartes ab. Sobald der Mann sich frei fühlte, griff er nach einem Aktenkoffer, der zwischen den Wurzeln des Baums steckte und mit Gold gefüllt war, hob ihn heraus und brummte vor sich hin: "Ungehobeltes Volk, schneidet mir ein Stück von meinem stolzen Barte ab! Lohn's Euch der Kuckuck!" Damit ging er fort, ohne die Kinder nur noch einmal anzusehen.

Einige Zeit danach wollten Schneeweißchen und Rosenrot im Park  Enten füttern. Als sie nahe bei dem See waren, sahen sie, dass etwas nach dem Wasser zuhüpfte, als wollte es hineinspringen. Sie liefen heran und erkannten den alten Mann. "Wo wollen Sie hin?" sagte Rosenrot, "Sie wollen doch nicht ins Wasser?" "Solch ein Narr bin ich nicht", schrie der Schauspieler, "seht Ihr nicht, der verwünschte Fisch will mich hineinziehen?" Der Mann hatte dagesessen und geangelt, und unglücklicherweise hatte der Wind seinen Bart mit der Angelschnur verflochten; als gleich darauf ein großer Fisch anbiss, fehlten dem schwachen Geschöpf die Kräfte, ihn herauszuziehen: der Fisch behielt die Oberhand und riss den Mann zu sich hin. Zwar hielt er sich an allen Halmen und Binsen, aber das half nicht viel, er musste den Bewegungen des Fisches folgen und war in beständiger Gefahr, ins Wasser gezogen zu werden. Die Mädchen kamen zu rechter Zeit, hielten ihn fest und versuchten, den Bart von der Schnur loszumachen, aber vergebens, Bart und Schnur waren fest ineinander verwirrt. Es blieb nichts übrig, als das Taschenmesser hervorzuholen und den Bart abzuschneiden, wobei ein kleiner Teil desselben verloren ging. Als der alte Mann das sah, schrie er sie an: "Ist das Manier, Ihr Lurche, einem das Gesicht zu schänden? Nicht genug, dass Ihr mir den Bart unten abgestutzt habt, jetzt schneidet Ihr mir den besten Teil davon ab: ich darf mich bei meinem Agenten gar nicht sehen lassen. Dass Ihr laufen müsstet und die Schuhsohlen verloren hättet!" Dann holte er einen Sack Perlen, der im Schilfe lag, und ohne ein Wort weiter zu sagen, schleppte er ihn fort und verschwand hinter einem Springbrunnen.

Es trug sich zu, dass bald hernach die Mutter die beiden Mädchen schickte, Zwirn, Nadeln, Schnüre und Bänder einzukaufen. Der Weg führte sie über einen Parkplatz, auf dem hier und da mächtige Felsenstücke zerstreut lagen. Da sahen sie einen großen Vogel in der Luft schweben, der langsam über ihnen kreiste, sich immer tiefer herabsenkte und endlich nicht weit bei einem Felsen niederstieß. Gleich darauf hörten sie einen durchdringenden, jämmerlichen Schrei. Sie liefen herzu und sahen mit Schrecken, dass der Adler ihren alten Bekannten, den bärtigen Schauspieler, gepackt hatte und ihn forttragen wollte. Die mitleidigen Kinder hielten gleich das Männchen fest und zerrten sich so lange mit dem Adler herum, bis er seine Beute fahren ließ. Als der Mann sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, schrie er mit einer kreischenden Stimme: "Konntet Ihr nicht säuberlicher mit mir umgehen? Gerissen habt Ihr an meiner dünnen Jacke, dass sie überall zerfetzt und durchlöchert ist, unbeholfenes und läppisches Gesindel, das Ihr seid!" Dann nahm er einen Sack mit Edelsteinen und stieg in sein Auto. Die Mädchen waren an seinen Undank schon gewöhnt und setzten ihren Weg fort. Als sie beim Heimweg wieder auf den Parkplatz kamen, überraschten sie den Mann, der auf einem reinlichen Plätzchen seinen Sack mit Edelsteinen ausgeschüttet und nicht gedacht hatte, dass so spät noch jemand daherkommen würde. Die Abendsonne schien über die glänzenden Steine, sie schimmerten und leuchteten so prächtig in allen Farben, dass die Kinder stehen blieben und sie betrachteten. "Was steht Ihr da und habt Maulaffen feil!" schrie der Ertappte, und sein aschgraues Gesicht ward zinnoberrot vor Zorn. Er wollte mit seinen Scheltworten fortfahren, als sich ein lautes Brummen hören ließ und ein Versicherungsvertreter aus dem Einkaufszentrum herbeitrabte. Erschrocken sprang der Bärtige auf, aber er konnte nicht mehr zu seinem Auto gelangen, der Gegner war schon in seiner Nähe. Da rief er in Herzensangst: "Lieber Herr Kollege Hammelberger, verschonen Sie mich, ich will Ihnen alle meine Schätze geben, sehen Sie, die schönen Edelsteine, die da liegen. Schenken Sie mir das Leben, was haben Sie an mir kleinem, schmächtigem Kerl? Sie spüren mich nicht zwischen den Fingern; da, die beiden gottlosen Mädchen; packen Sie die, das sind für Sie zarte Bissen, fett wie junge Wachteln, die nehmen Sie in Gottes Namen." Der Angesprochene kümmerte sich um seine Worte nicht, gab dem boshaften Geschöpf einen einzigen Schlag mit der Faust, und es regte sich nicht mehr.

Die Mädchen waren fortgesprungen, aber der Versicherungsvertreter rief ihnen nach: "Schneeweißchen und Rosenrot, fürchtet euch nicht, wartet, ich will mit Euch gehen." Da erkannten sie seine Stimme und blieben stehen, und als der Mann bei ihnen war, fiel plötzlich der Pullover ab, und er stand da als ein schöner Mann und war ganz in Gold gekleidet. "Ich bin eines Schauspielers Sohn", sprach er, "und war von dem gottlosen Kollegen, der mir meine Schätze gestohlen hatte, verwünscht, als ein werktätiger Versicherungsvertreter durch die Stadt zu laufen, bis ich durch seinen Tod erlöst würde. Jetzt hat er seine wohlverdiente Strafe empfangen."

Schneeweißchen ward mit ihm vermählt und Rosenrot mit seinem Bruder, und sie teilten die großen Schätze miteinander, die der böse Kollege in seinem Büro zusammengetragen hatte. Die alte Mutter lebte noch lange Jahre ruhig und glücklich bei ihren Kindern. Die zwei Rosenbäumchen aber nahm sie mit, und sie standen vor ihrem Fenster und trugen jedes Jahr die schönsten Rosen, weiß und rot.

 



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