Sucht hat viele Gesichter...

... und Hoffung bleibt eine Privatangelegenheit: US-Regisseur Steven Soderbergh ist, wie er im Gespräch mit Frank Arnold sagt, "Pragmatiker". In "Traffic" entwirft er ein angemessen komplexes Szenario der Drogendeals und Abhängigkeiten zwischen den USA und Mexiko.

 

Traffic basiert auf einer mehrteiligen Fernsehserie der britischen BBC. Wie haben Sie daraus Ihren Kinofilm entwickelt?

Soderbergh: In der Fernsehproduktion gab es drei Erzählstränge - einen davon mussten wir streichen. Er behandelte einen Drogenweg von Pakistan über Berlin nach Großbritannien. Dafür haben wir die Mexiko-Geschichte hinzugefügt. Die anderen zwei Geschichten haben wir wenig verändert übernommen, aber wir mussten die Informationen natürlich auf den neuesten Stand bringen und die Figuren auf amerikanische Verhältnisse zuschneiden. Die wichtigste Veränderung war die Teenagerclique um die süchtige Tochter des US-Chefanklägers, den Michael Douglas spielt: Mit ihr verbringen wir jetzt mehr Zeit als im Original.

Ihr Film ist mit vielen Stars, darunter auch Catherine Zeta-Jones, besetzt. Zwingt das nicht zu formalen und erzählerischen Kompromissen - etwa beim positiven Ende des Erzählstrangs rund um Douglas?

Soderbergh: Ich liebe Filmstars - solange man sie gut einsetzt. Und wenn sie bereit sind, etwas Neues auszuprobieren (was auch für Julia Roberts bei Erin Brockovich galt), dann kann man etwas Wunderbares daraus machen. Im Übrigen habe ich noch nie einen Film gedreht, den ich nicht drehen wollte, und ich habe nie einen Film anders gedreht, als ich ihn drehen wollte - ich bin der glücklichste Mensch, den Sie je getroffen haben. (lacht) Was Traffic anbelangt, wollte ich hier tatsächlich so viele Stars wie möglich haben. Andererseits liest man ihre Namen erst im Nachspann - der Zuschauer sollte nicht ungeduldig auf einen bestimmten Auftritt warten, sondern sich überraschen lassen. Und was das "positive" Ende betrifft: Einen ziemlich komplizierten Zweieinhalbstunden-Film über Drogen wollte ich nicht zu pessimistisch enden lassen. Jede der persönlichen Geschichten sollte auf eine befriedigende Art abschließen. Aber so, dass eben jeder versteht: Das Hauptproblem ist nicht gelöst.
Ich wollte nicht, dass die Zuschauer niedergeschlagen aus dem Kino kommen - denn das ist der Unterschied zwischen einem Film, den man lieber schnell verdrängt, und einem, über den man redet. Auf einer persönlichen Ebene gibt es immer Hoffnung - das ist die Entscheidung, die Michael Douglas am Ende trifft. Die Politik, die die Regierung verfolgt, bewirkt nichts. Das Einzige, was er machen kann, ist es, das Problem in seiner eigenen Familie anzugehen. Das ist für mich ein Hoffnungsschimmer - wir haben in den USA immer noch eine Politik, die vielen Leuten Schaden zufügt und zugunsten von reichen, weißen Leuten eingreift.

Hat Traffic Auswirkungen auf die offizielle US-Drogenpolitik gehabt?

Soderbergh: Er hat viele Diskussionen ausgelöst in den letzten Monaten. Was er zum Beispiel bewirkt hat, ist die Tatsache, dass Leute Politiker zur Rede stellen und fragen: "Haben Sie Traffic gesehen? Und wenn ja, was meinen Sie zu diesem Problem?" Das ist erfreulich, damit hatte ich nicht gerechnet. Der Film stellt die Frage, "Ist das das Beste, was wir tun können?" Und ich glaube, das ist nicht der Fall.

Michael Douglas hat sich für die Legalisierung von Marihuana ausgesprochen ...

Soderbergh: Ich wünschte, ich könnte alle in den USA vom Alkohol abbringen, stattdessen sollten sie Marihuana rauchen. Aber ich glaube nicht, dass das geschehen wird. Vielleicht wird der ökonomische Faktor dieses Problems uns an einem bestimmtem Punkt keine andere Wahl mehr lassen, etwas in dieser Richtung zu probieren. Aber viel Hoffnung habe ich nicht. Die USA sind ein generell konservatives Land - und ein großes Land. Wenn man Probleme dieser Art, die die Emotionen hochschlagen lassen, zur Sprache bringt, können sich jede Menge Leute zu einer Lobby formieren und sagen: "Das wollen wir nicht!" Dann ist es sehr schwer für Politiker, das zu ignorieren. Es ist nun einmal einfacher und populärer zu sagen: "Geht hart mit dem Drogenproblem um! Sperrt diese Leute ins Gefängnis! Sie sind böse!" Also das, was wir seit Jahrzehnten machen.

Erwuchs so Ihr Interesse an diesem Projekt?

Soderbergh: Ja, aus meiner Frustration über ein System, das so konzipiert scheint, dass es mehr Unheil anrichtet, als Gutes zu bewirken - in jeder Hinsicht. Nicht nur in Bezug auf Personen - was mit Mexiko und besonders in Tijuana geschieht, ist wirklich furchtbar. Wir haben Escobar ausgeschaltet und dem Drogenhandel in der Karibik einen schweren Schlag zugefügt, aber das hat letztlich dazu geführt, dass die Kartelle sich nach Westen bewegt haben. Zu den Mexikanern haben sie gesagt: Wir wollen, dass ihr das für uns erledigt, aber wir bezahlen euch nicht in Bargeld, sondern in Drogen - die könnt ihr dann auf eigene Rechnung verkaufen. Es ist einfach zu sagen: "Die Mexikaner sind korrupt!" - dabei werden aber die starken ökonomischen Kräfte vollkommen außer Acht gelassen. Wenn man eine solche Menge Geldes in ein Land pumpt, in dem die meisten Menschen unter wirtschaftlicher Not leiden, führt das natürlich zu Korruption. Das Schlimme dabei ist, dass die Nachfrage aus den USA kommt, d.h. Mexiko wird für den Drogenkonsum der Amerikaner bestraft.

Gab es während des Drehs Beeinflussungsversuche vonseiten der Drogenmafia?

Soderbergh: In Tijuana haben wir nur einen Tag lang Second-Unit-Aufnahmen gedreht, das restliche Tijuana-Material haben wir in einer anderen mexikanischen Stadt, in Nogales, gedreht. Denn in Tijuana wurde uns signalisiert, dass es nicht ratsam sei, dort zu drehen - niemand hätte da mit uns zusammengearbeitet. Angeblich kann man da für ein Kopfgeld von 3000 Dollar jemanden erschießen lassen. Das nahmen wir schon sehr ernst.

Haben Sie zur Vorbereitung mit Vertretern der Drogenmafia gesprochen? Hat das den Film beeinflusst?

Soderbergh: Ja, das haben wir. Mir war wichtig, dass die Protagonisten - auf beiden Seiten - menschliche Charaktere waren. Ich glaube, es half, dass etwa der von Miguel Ferrer gespielte Charakter eigentlich ein Bad Guy ist, aber ein artikulierter und smarter Bad Guy. Die Leute, die wir trafen, waren nicht dumm - im Gegenteil, sie waren uns weit voraus. Ich hätte einen ganzen Film drehen können nur über deren Technologie. Sie sind der Regierung so sehr überlegen, das ist schon nicht mehr lustig. Sie heuern Spezialisten an, die für sie analysieren, wer an der Grenze angehalten wird und warum und wie oft: Gibt es dabei ein Muster? Welche Grenzbeamte tun sich dabei mehr hervor als andere? Sie haben so viel Geld, da wundert einen nichts mehr.

War der Erfolg von Erin Brockovich hilfreich bei der Finanzierung dieses Films?

Soderbergh: Erin Brockovich kam erst drei Wochen vor Drehbeginn von Traffic in die Kinos, ungefähr zur selben Zeit, als wir endgültig grünes Licht für Traffic erhielten; die Vorbereitungen habe ich aus meiner eigenen Tasche finanziert. Der Erfolg von Erin Brockovich war nicht schlecht, aber auch nicht direkt eine Hilfe, denn es herrschte die Auffassung vor, dass Filme über Themen wie korrumpierte Machtstrukturen kein Geld mehr einspielen können. Michael Manns Der Insider etwa, den ich für einen sehr guten Film halte, war in den USA ein großer Kassenflop, das wurde wiederholt als Argument gegen Traffic benutzt: "Hier haben wir einen intelligenten Film für ein erwachsenes Publikum, der sich mit einer brennenden Thematik beschäftigt. Er flopt - und das wird mit Traffic auch geschehen, deswegen wollen wir ihn nicht produzieren." Es ist eine wirklich frustrierende Situation, wenn ein guter Film gegen einen ausgespielt wird.

Traffic hat einen prägnanten visuellen Stil ...

Soderbergh: Ja, klare harte Bilder aus den USA gegen grobkörniges, "erhitztes" Material aus Mexiko: Das dient zunächst mal der Orientierung des Zuschauers, der dadurch sofort weiß, welcher Erzählstrang gerade wieder aufgenommen wird - so brauchte ich nicht jedes Mal gleich die Protagonisten ins Bild zu setzen. Im Übrigen glaube ich nicht, dass ich visuell besonders sophisticated bin - zumindest im Vergleich zu einigen anderen Regisseuren.
Ich arbeite daran - aber ich bin nicht David Fincher (Fight Club). Der arbeitet auf einem Level von visueller Sophistication, an das ich gar nicht zu denken wage. Man sagt, dass ich in einer Reihe verschiedener Dinge gewisse Fähigkeiten habe, die sich dann zu etwas summieren: Ich bin ziemlich gut darin, ein Drehbuch in Form zu bringen, einen Film zu besetzen, Schauspieler dazu zu bringen, "natürlich" zu spielen, Leute davon zu überzeugen, mir Geld zu geben - und die Studios davon abzuhalten, auszuflippen. Ich fühle mich nicht speziell begabt auf irgendeinem dieser Gebiete, aber gut genug, das alles miteinander zu verbinden, sodass ich einen guten Film daraus machen kann - wenn die Umstände stimmen.

Die Farbgebung in den Mexiko-Sequenzen, wo alles nur gelbbraun ist, verrät aber schon einen bestimmten Stilwillen ...

Soderbergh: Sind Sie je in Mexiko gewesen? So fühlte es sich für mich einfach an. Ich habe viel Zeit mit Recherchen in Tijuana verbracht - und so kam mir die Stadt vor. Man hat mir kulturellen Rassismus vorgeworfen, was die Funktionsweise dieses Segments anbelangt, aber andererseits hat mir jemand, der dort aufgewachsen ist, bestätigt, dass es genauso aussehe. Es hängt also vom jeweiligen Zuschauer ab.

Wie hat der dokumentarische Stil, in dem Sie den Film gedreht haben, die Zusammenarbeit mit den Schauspielern beeinflusst? Ich hatte den Eindruck, dass die Darsteller, besonders Benicio del Toro, stark unterspielen.

Soderbergh: In diesem Stil zu drehen, macht es für die Schauspieler zweifellos schwerer, unnatürlich zu sein. Aber das war nichts, worüber ich je mit ihnen gesprochen hätte. Sie merkten instinktiv, von Michael Douglas angefangen bis zu den Nebendarstellern, was angemessen war. Sie kamen an den Set und spürten die Ästhetik. 60 Prozent des Films wurden ohne jegliches Kunstlicht gedreht. Die Schauspieler kamen in einen Raum wie diesen hier, wo wir jetzt unser Interview führen. Der Raum sah genauso, es gab keine Scheinwerfer, irgendwo saß ich mit der Kamera und mit meinem Tonmann. Wir fingen sofort an. Das schuf unmittelbar eine Situation, wo es lächerlich ausgesehen hätte, wenn der Schauspieler auch nur irgendwie "gespielt" hätte.

Hat diese sehr unmittelbare Art, wie Sie Traffic gedreht haben - Sie selbst an der Kamera - bei Ihnen einen Rauscheffekt ausgelöst?

Soderbergh: Drehen ist immer ein Rausch! Wir alle haben etwas in unserem Leben, das ein Gefühl auslöst, das wir wieder und wieder herstellen wollen, sei es nun Alkohol oder Drogen, Macht oder Sex, Essen oder sonst etwas. Jeder hat seine eigene Droge. Allerdings kann man nur für einige davon ins Gefängnis kommen.

Sie haben erwähnt, dass Sie gut darin sind, Leute zu überzeugen. Sie haben etwa mit Erin Brockovich einen dramatischen Film mit Julia Roberts gedreht, der ein großer Kassenerfolg war, oder mit Out of Sight George Clooney und Jennifer Lopez auch im Kino bankable gemacht - und danach jetzt einen Film, in dem lange Passagen spanisch mit englischen Untertiteln sind. Nimmt man Ihnen das in Hollywood nicht übel?

Soderbergh: Das ist mir egal. Darüber denke ich nicht nach. Wenn ich versuche, einen Film auf die Beine zu stellen und das Projekt herumreiche und jemand Nein sagt, dann gräme ich mich nicht lange. Stattdessen überlege ich: An wen kann ich mich wenden, der Ja sagen wird? Ich vergeude keine Zeit damit, mir zu überlegen, warum sie Nein sagen, denn ich erwarte von den Studios nicht, dass sie visionär sind - sie sind ja keine Filmemacher. Das ist unser Job, nicht ihrer. Ihr Job ist es, Nein zu sagen, mein Job ist es, jemanden zu finden, der Ja sagt. Und wenn mir das bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht gelungen ist, dann muss ich mir eingestehen: Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt für diesen Film.
Das ist mir schon passiert, dass ich ausstieg aus Projekten, die ich versucht hatte zu entwickeln, weil klar wurde: Das würde nicht klappen. Ich möchte keiner von denen werden, die verbittert sind: "Keiner versteht, was ich machen will!" Dafür bin ich zu pragmatisch. Ich will einfach arbeiten. Ich habe normalerweise mehrere Projekte in Vorbereitung. Wenn an einem bestimmten Punkt sichtbar wird, dass es mit einem nicht klappt, verlagere ich meine Energien einfach auf ein anderes.

Ist die Herausforderung bei jedem Film anders für Sie? Bei Traffic ist offensichtlich, dass es sowohl vom Thema und von der Erzählstruktur her ein faszinierendes Projekt war, aber worin liegt die Attraktion bei Ihrem nächsten Film, dem Remake der 1960er "Rat Pack"-Krimikomödie Ocean's Eleven? War das nicht ein ganz altmodischer Hollywood-Mainstreamfilm?

Soderbergh: Machen Sie Sich auf eine ziemlich radikale Neuinterpretation gefasst! Trotz all der Stars: George Clooney, Matt Damon, Brad Pitt, Julia Roberts, Andy Garcia, Bill Murray, Don Cheadle ...

Und auch Luis Guzman, für den Sie in Ihren letzten Filmen immer schöne Rollen hatten?

Soderbergh: Nein, der wird diesmal nicht dabei sein - wir wollten mal eine Pause einlegen. - Sehen Sie, ich habe irgendwann beschlossen, künftig weder nur Filme für die Kunstkinos zu drehen noch ausschließlich aufwendige Studioproduktionen. Die Abwechslung ist mir wichtig. Was die Herausforderungen anbelangt, so hat jeder Film seine eigene Palette davon. Und genau das erschreckt mich bei jedem. Aber ich glaube, das ist gut. Wenn man nicht ein bisschen erschrocken ist, dann ist man eingeschlafen.
Die Herausforderung bei Traffic war: Kann man einen Film machen mit so vielen Figuren und so vielen Schauplätzen, der vollkommen außerhalb jeglicher Kontinuität gedreht wird und bei dem der Zuschauer trotzdem das Gefühl hat, alle sind im selben Film? Das war der erschreckende Teil, vor allem deshalb, weil ich die Antwort nicht wusste, bevor ich in den Schneideraum ging. Aber das ist eine reale Gefahr bei einem Film mit drei Erzählsträngen in sieben Städten und 115 Sprechrollen. [] Traffic startet österreichweit am 6. April

aus © DER STANDARD, 31. März/1. April 2001