(...) Liu ließ sie Platz nehmen und erzählte ihr von seiner Verzweiflung und seiner Suche nach ihr.
"Ich habe gehört", fügte er hinzu, "dass du verlobt bist. Warum habt ihr denn noch nicht Hochzeit gefeiert?"
"Das ist alles Unsinn", erwiderte sie. "Dein Onkel hat dir absichtlich die Unwahrheit gesagt, um deine Hoffnungen zu zerstören."
Dann legten sie sich aufs Bett, und das Mädchen betörte Liu mit ihren Liebeskünsten so sehr, dass er sich im Himmel wähnte. Als es zur vierten Wache schlug, erhob sie sich, zog sich an, kletterte über die Mauer und verschwand.
Von diesem Tag an kam das Mädchen jeden Abend zu Liu und blieb bei ihm bis in die späte Nacht. Sie unterhielten sich kaum noch, schlüpften sofort ins Bett und ergaben sich den Wonnen der Lust. Das ging so lange gut, bis eines Nachts Lius Diener durchs Schlüsselloch guckte. Er erschrak fürchterlich, sagte jedoch nichts zu seinem Herrn, sondern zog bei den Nachbarn Erkundigungen über das Nachbarhaus ein. Erst dann fragte er Liu: "Was ist das für eine Frau, die Sie nachts aufsucht?"
Doch Liu wollte ihm keine Auskunft geben.
"Ich frage nur deshalb", sagte der Diener, "weil in diesem Haus kein Mensch mehr wohnt. Böse Geister haben sich dort niedergelassen. Aus welchem Grund sollte sich Yao dort aufhalten?"
Da errötete Liu und sagte:
"Unser Nachbar auf der westlichen Seite ist ihr Onkel mütterlicherseits - was also sollen diese Verdächtigungen?"
"Ich habe mich überall umgehört und habe alle ausgefragt: In diesem Haus leben keine Menschen, also muss das Mädchen, mit dem Sie sich treffen, ein teuflisches Wesen sein. Wie wäre es sonst auch möglich, dass sie, obwohl seither doch einige Jahre vergangen sind, immer noch das gleiche Gewand trägt? Überdies ist ihr Gesicht viel zu weiß, ihre Wangen sind eingefallen und sie hat keine Grübchen wie Ah-hsiu: Die ist viel schöner"
Liu dachte angestrengt nach und sagte dann erschüttert:
"Aber was soll ich denn jetzt tun?"
Der Diener meinte, Liu solle auf sie warten als wäre nichts geschehen, dann aber, wenn sie erscheine, irgend etwas Scharfes zur Hand nehmen und auf sie einstechen.
Als das Mädchen abends erschien, erklärte sie geradeheraus:
"Ich weiß, dass du mich im Verdacht hast, ein Geist zu sein. Ich muss dir aber sagen, dass ich keinerlei Ziele verfolge außer dem, unser beider Schicksal zu vollenden ..."
Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als der Diener die Tür aufriss und ins Zimmer stürzte. Das Mädchen schrie:
"Lass das Messer fallen und bringe schnell Wein: Ich werde mich von deinem Herrn verabschieden."
Und das Messer fiel von allein, als hätte es ein Unsichtbarer dem Diener aus der Hand gewunden.
Liu schlotterte vor Angst, er bezwang sich jedoch und bat um
Wein und Speisen.
"Ich kannte deine Herzensangelegenheiten", plauderte das Mädchen munter, "und wollte dich, soweit es in meinen schwachen Kräften stand, befriedigen. Also gut, ich bin nicht Ah-hsiu, aber..."
Und plötzlich zog sie sich nackt aus:
"Aber ich bin keineswegs weniger schön als sie - oder ?"
Jedes Haar auf Lius Körper sträubte sich und er war nicht imstande, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen.
Als die dritte Wache geschlagen wurde, hob das Mädchen einen Becher, leerte ihn und stand auf.
"Fürs erste gehe ich", sagte sie. "Doch wenn ihr verheiratet seid, komme ich wieder, dann können wir vergleichen, wer schöner ist - sie oder ich." (...)


(aus "Ah-hsiu und ihre Doppelgängerin; anonym um 1600)