Gespräch in der Kaffeehausecke

»Hier wollen wir bleiben«, sagte Anatol und ließ sich auf dem roten Samtfauteuil nieder. Fred setzte sich ihm gegenüber und zog die gelben Fenstervorhänge fester zu. Es war spät am Abend und das Kaffeehaus wenig besucht. Über den Billardtischen waren die Gasflammen ausgedreht, die Kassierin rechnete weiter, nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die Neueingetretenen geworfen.
»Da gefällt es mir«, fuhr Anatol fort, nachdem er sich eine neue Zigarre angezündet. »Kein Lärm, sehr angenehm zu sitzen, der Tisch wackelt nicht – ja, da bleiben wir.« »Aber kein Kellner zu sehen«, warf Fred ein, obwohl ihn bereits zwei derselben gefragt hatten, was er befehle. In diesem Augenblick standen auch schon die zwei Tassen schwarzen Kaffees, die Anatol bestellt hatte, vor den beiden Freunden.
»Ach so«, sagte Fred und warf zwei Stück Zucker in seine Tasse. »Findest du nicht auch, daß wir hier bleiben könnten?« fragte Anatol. »Das Lokal hat etwas Alt-Wienerisches, was mir sehr sympathisch ist. Die Billards sind viel zu lang, die Kassierin ist viel zu häßlich, die Decke ist viel zu grau, die Beleuchtung viel zu schlecht – lauter Dinge, die ich sehr hübsch finde. Und dabei, wie gesagt, sitzt man sehr angenehm.«
»Ich nicht«, fand Fred, der, eine Zeitung in der Hand, nervös hin und her rückte. Anatol schob den Vorhang von dem Fenster leicht zurück und blickte hinaus. Da war eine dunkle Straße der Innenstadt, nur ein Gewölbewächter schritt auf und ab; es schneite ein wenig, das Pflaster aber war grau und naß. »Stimmungslos«, sagte Anatol und ließ den Vorhang wieder fallen.
Nach geraumer Zeit erst fragte Fred: »Was sagtest du?«
»Nichts. Hast du Paul heute gesehen?«
»Ja, vormittag; ich war bei ihm in der Redaktion. Er hat viel zu tun, er arbeitet wahrscheinlich noch. – Wo warst du im übrigen heute?«
»Heute? – In einem halben Jahr werd' ich dir's erzählen, – bis es vorbei ist.«
»Du weißt also schon, wann es vorbei sein wird?«
»Traurig genug, daß ich überhaupt schon ans Ende denke.«
»Das ist ja selbstverständlich – bei derlei Dingen...«
»Derlei Dinge... du machst schon wieder deine Unterschiede.«
»Es gibt doch welche.«
»Vielleicht... ach, gewiß. Schließlich ist auch, was ich jetzt erlebe, etwas anderes als alles frühere.«
»Natürlich.«
»O, aber nur, weil ich es eben jetzt erlebe; aus keinem andern Grund. Darüber täusche ich mich nicht. Daß ich mich aber nicht darüber täuschen kann, das ist das Unglück; und dabei stehe ich Qualen aus.«
»Qualen... Eifersucht?«
»Ja. Das ist der einzige wirkliche Schmerz.«
»Hast du einen Grund?«
»Den umheimlichsten von allen: die Vergangenheit. Diese tückische unsterbliche Vergangenheit, gegen die man sich nicht auflehnen, die man über sich ergehen lassen muß wie ein Schicksal.«
»Und du kannst es nicht überwinden?«
»Nein, unmöglich. – Im übrigen, eine Frage, die allerdings nur theoretisches Interesse hat.«
»Nun?«
»Gäbe es auch eine Eifersucht auf die Vergangenheit, wenn man ihr Bild völlig aus der Erinnerung der Geliebten reißen könnte?«
»Wie das?«
»Stelle dir vor, wir hätten ein Mittel zur Verfügung – meinetwegen eine chemische Substanz, mittelst der wir einen bestimmten Lebensabschnitt aus dem Gedächtnis eines Wesens vollkommen verwischen könnten.«
»So daß sie gar nicht mehr weiß, daß überhaupt etwas geschehen ist?«
»Ja. Was vorbei ist, das ist nicht mehr. Es ist in gewissen Fällen so vorbei, als ob es nicht gewesen wäre; nur die Erinnerungsbilder sind da, auf die wir eifersüchtig sind. – Nun will ich dir noch eine andere Möglichkeit vor Augen führen. Ein Weib wird dir zuliebe jemandem untreu. Im Anfang – du magst sie noch so sehr lieben – wirst du auf jenen andern wenig, wahrscheinlich gar keine Eifersucht empfinden. Du hast ihn überwunden, und dieses Gefühl der Obermacht genügt dir. Sie verläßt jenen. Und jetzt erst beginnt sich deine Eifersucht zu regen. Er ist nicht mehr da, sein lebendiges Wesen ist unwirksam geworden, seine Schattenmacht beginnt. Und mit der wirst du nicht fertig – nimmer, nimmer.«
»Ich glaube doch«, erwiderte Fred. »Insbesondere, wenn du dir deinen eigenen Zustand in einem gleichen Fall versinnlichst; wenn du dich fragst: wie wirken ähnliche Erinnerungsbilder auf mich? – Und du wirst dir sagen: mir ist, als hätte es ein anderer erlebt, es hat nichts in mir zurückgelassen.«
»All das, mein lieber Fred, nützt nichts, gar nichts. Was war, ist, – das ist ja der tiefe Sinn des Geschehenen. Ach, und das sind Qualen, Qualen!«
»Du mußt dich von diesen Dingen endlich befreien.«
»Freilich müßt' ich. Denn, in der Tat, ich bin ihrer müde, dieser unsäglichen Leiden, die Abenteuer dieser Art für mich bringen. Vielleicht kommen andere damit zuwege, ich aber schleppe alles mit mir weiter; andere schütteln es von sich ab völlig; ich kann das nicht. Auf mir lastet alles, alles, was ich je erlebt; das nichtigste Erlebnis nistet sich auf die Dauer bei mir ein.« (....)


(von Arthur Schnitzler; 1862-1931)