Kristina Dunker "Dornröschen küsst"
Ein Jugendroman, der Erwachsenen gefällt, muss der Kritik der jugendlichen Leser
durchaus nicht standhalten. Dieser Diskrepanz sollte man sich bei der Bewertung
von Jugendliteratur immer bewusst sein.
Bei dem schmalen Roman der Dortmunderin
Kristina Dunker, Jahrgang 1973, könnte ich mir zumindest vorstellen, dass er auch
jungen Leserinnen und Lesern gefällt.
Er vermeidet Klischees und spektakuläre
Handlungen, ist im häuslichen und schulischen Alltag angesiedelt und lässt doch
Raum genug zum Träumen und zur Identifikation mit der Hauptfigur, der 16-jährigen
Julia.
Es ist die Geschichte einer Selbstfindung. Julia hat sich nach der
Scheidung der Eltern und dem Umzug in eine andere Stadt in sich selbst zurückgezogen,
ist fast verstummt und hat sich schon damit abgefunden, anders als die anderen
zu sein. Gegenüber Lehrern und Gleichaltrigen, die sich durchaus um sie bemühen,
bleibt sie verschlossen und gleichgültig.
Ihr Selbstbild ist geprägt von Unsicherheit
und einem Selbstwertgefühl, das auf den Nullpunkt gesunken ist. "Eine Klammer
habe ich seit Wochen nicht mehr, aber meine Wangen sind noch rund von Babyspeck,
meine Pullis schlabberig und ausgeleiert, meine Unterhosen riesige Zelte und meine
Haare hängen mir wie zu lang gekochte Nudeln
im Gesicht." (S. 73f)
Je mehr sich Julia gegen die Bemühungen anderer, allen
voran ihrer Zwillingsschwester Ann-Kathrin; versperrt, desto mehr wenden sich
diese von ihr ab. "... ihre Schwester Julia hat einen an der Klatsche" (S. 70)
Und desto endgültiger hat sich Julia in ihrem Schneckenhaus eingerichtet: "ich
will nicht hunderttausend Menschen kennen lernen, ich habe hunderttausend Menschen
in mir." (S. 55)
Dass Julia ein Mädchen voller Fantasie ist, zeigt sich in
den fantastischen Geschichten, die sie bei jeder Gelegenheit in Gedanken ausspinnt,
während andere Gleichaltrige die Zeit eher fantasielos in Cafés
und auf Feten rumsitzen.
In dem um ein paar Jahre älteren Ruben findet sie
jemanden, der ihre innere und äußere Schönheit erkennt und sie nicht als "dauerdepressiven
Zombie" (S. 85) abstempelt.
Selber sensibel für Kunst und Ästhetik, individuell
und kreativ, vermag Ruben Julias Schreibversuche zu würdigen und löst einen enormen
Schub in ihr aus: nach und nach bekennt sie sich zu ihrem Sosein und zu ihren
schriftstellerischen Ambitionen. "Ruben hat dich wohl wachgeküsst, Dornröschen,
was?" (S. 89)
Zum Schluss ist ihr Selbstbewusstsein so gestärkt, dass sie
sogar gegenüber dem viel selbstbewussteren Ruben die Initiative ergreift. Das
negative Selbstbild des Anfangs "dieser ganze schmale, schlaksige Mensch, der
ich bin, bleibt mir fremd." (S 27) "Julia Niemand hat nichts zu sagen. Sie will
auch nichts sagen. Was denn auch?" (S. 31) wandelt sich zur positiven Selbstannahme:
"ganz normal sehe ich aus. Nein, nicht ganz. Ich sehe aus wie eine schöne Frau.
Eine Julia Niemand ist das nicht." (S. 94)
Das gefundene Selbstvertrauen lässt
sie auch zu ihrer Mutter zurückfinden, zu der sie seit der Trennung jeden Kontakt
verweigert hat.
Der Schluss des kleinen Romans, der dazu angetan ist, jungen
Menschen, die an sich selber zweifeln, Mut zu machen, hält noch eine Überraschung
parat. Der Roman enthüllt sich als "langer Brief" an die Mutter. Julias eigene
Erfahrungen in einem "turbulenten Frühling"
(S. 109) haben dazu beigetragen, die Mutter besser zu verstehen. "Irgendwie habe
ich mittlerweile verstanden, warum du fortgehen musstest. Damals allerdings habe
ich es nicht akzeptiert. Ich habe nur gespürt, wie sehr du mir wehgetan hast."
(S. 109)
(Diethelm Kaminski; November 02)
Kristina
Dunker "Dornröschen küsst"
dtv junior
109 Seiten
ISBN 3-423-78183-1
ca.
EUR 5,50. Buch bestellen