Das erste Orakel des Todes


   Der Aschenregen hatte etwas nachgelassen.

   Idiotl und Torotl , zwei aztekische Krieger, Edelleute und Weise, klopften sich den grauen Staub aus den Kleidern. Ihre Bronzegesichter blickten zum bleiernen Himmel auf, der flach und erdrückend über ihnen lag und keine Rührung zeigte.

   Der gute Quetzalcoatl, der Beherrscher des Windes, hatte sein Volk verlassen. Die Orakel schwiegen schon seit Wochen, und die mit Menschenhaut bespannten Trommeln riefen vergeblich die Götter um Hilfe an. Und nun waren auch sie zum Schweigen verdammt. Endgültig, ewiglich.

   Idiotl senkte traurig sein Haupt, Asche rieselte aus dem fahl gewordenen, einstmals schwarzglänzenden Haar, das zu einem Knoten hochgebunden war. Torotl zeigte keine sichtbare Regung und starrte schicksalergeben ins Leere.

   Dünn und klagend wehte weit entferntes Wolfsgeheul zu den beiden Kriegern herüber. So hatte es den Anschein, doch wie so oft ... trog der Schein auch hier. Es waren weder Wölfe noch Coyoten, die dort heulten. Der sterbende Wind hauchte seinen Abschiedsseufzer über das tote Land hinweg.

   Die Ahnen der gesamten Menschheit hatten sich versammelt zum großen Stelldichein ... pulverisiert zu Asche, zu elendem Staub, der die Sonne verdunkelt und die Nachfahren erstickt hatte ... alle, bis auf die zwei hier: Idiotl und Torotl, zwei aztekische Weise und Edelleute.

   Das Experiment des jüngsten Tages war fehl gegangen.

   Idiotl ertränkte seine letzten Gedankenkeime im Gift der reinen Vernunft  und tauschte ergeben die Sinnlosigkeit des Seins gegen die Wunschlosigkeit des Nichtseins.

   Torotl aber grub noch immer mit fahrigen Händen in der Asche nach jenem Funken, der niemals mehr als ein Irrlicht gewesen war.

   Als dann endlich die letzten Krümel aus der großen Sanduhr der Zeit unwiederbringlich in die Nichtigkeit absoluter Leere hinabgerieselt waren, als der grienende Tod sich zum absolutistischen Herrscher über das gesamte Universum emporgehoben hatte, da fand auch die Idee der Schöpfung, die unwahrgenommen und außerhalb der Zeit stehend nicht mehr länger existieren konnte, ihr endgültiges Verlöschen.

   Torotl hatte nun resignierend seine Hände in den Schoß gelegt und sog mit seinem letzten Atem, dem letzten Atemzug eines lebenden, wahrnehmenden Wesens, die Vorstellung von Zeit, Raum, Schöpfung und Schöpfer in den dunklen Schlund bodenlosen Vergessens.

(Werner Fletcher)