Christian Lehnert: "Der Gott in einer Nuß"

Buchvorstellung


Fliegende Blätter von Kult und Gebet

Über Sinn und Aufbau der kultischen Handlungen und Texte, die als Gottesdienst oder Messe im Zentrum religiöser Praxis des Christentums stehen, ist viel geschrieben und spekuliert worden - meistens in theoretisch-theologischer Absicht.
Christian Lehnert, selbst Theologe, wählt für seine Annäherung an dieses Zentralgeschehen des Kults einen besonderen, seinen eigenen Weg: den des Dichters. In der für ihn typischen Gattungsmischung von Reflexion, Schau und Erzählung, bei der die verschiedensten sprachlichen Register von kristallklarer bis hin zu expressiver Prosa gezogen werden, nähert sich Lehnert den feststehenden Formen des kultischen Vollzugs, deren Bedeutung vielen längst verloren ist: Kyrie, Gloria, Glaubensbekenntnis, Abendmahl ...
Auf diesem Weg führen seine Beobachtungen und Meditationen in eine energetische Erfahrung der "Leere", die sich auf mystisches Gotteserlebnis zurückbesinnt und landläufige Verständnisroutinen durchbricht.
Kritisch und polemisch fordert Lehnert dabei den Konservativismus und seine erstarrte Religionspraxis ebenso heraus wie die charismatischen, liberalen oder esoterischen "Bewegungen", die glauben, das Christentum auf dessen "Totenfeld" beerben zu können.

Leseprobe:

"I
Im Namen des Vaters und des Sohnes
und des Heiligen Geistes.

Einzelnes Blatt

Das Labyrinth. - Ich kroch durch einen schulterbreiten Gang, der mich zu immer neuen Drehungen zwang. Ich war gehetzt. Wovon? Ich mußte eingestehen, daß ich vergessen hatte, was ich suchte. Ich hatte es nie genau gewußt und nicht beständig. Das änderte nichts daran, daß ich getrieben war. Ich hatte wohl etwas gehört. Ich hatte eine Art reflektorische Bestimmung wahrgenommen - wie eine Mistel wachsen muß, wie ein Myzel sich fortpflanzt. So war ich hierhergekommen. Als wäre eine laute Stimme durchs Gestein gezogen und von irgendeiner fernen Stelle zurückgehallt: Das war ich, im Echo. Kroch, im Echo.
Triefnaß die Flechten, das Moos, ich hatte die Arme vorgestreckt, krallte die Finger in glitschige Gewebe, in Wurzeln, Getier und kristalline Gebilde, die ich mir nicht vorstellen konnte, nur wie stets vollkommen neu ertastete. Nichts war wiederzuerkennen, nichts wurde vertraut. Jeder Griff - ein neuer Eindruck, weiche Kuppen wie Felsfinger oder Scharten, schleimige Nässe, scharfe Grate, Löcher, Krater ... aber keine Erfahrung, keine Wirklichkeit. Ich kroch. Ich wurde ins Ungewisse geschraubt. Die einzige Kontinuität, die sich meinem nervösen Hirn darstellte, war der Gang.
Ich dachte an meine kleine Tochter, deren Blick Tiere herankommen ließ, sichtbar gegen den Instinkt, aber sie folgten ihr. Vor Todesangst zitternde Eichhörnchen, die sie streichelte, und die scheuen Wesen sprangen nicht weg. Sie verharrten in einem Kraftfeld, das niemand erklären konnte, wie hypnotisiert, und bald schienen die Tiere doch das Unausweichliche zu mögen. Sie warteten auf das Kind.
Ich kroch, und mir erschien es immer deutlicher so, als sei mein Körper erfaßt von einer Strömung - nicht bestimmbar an einen Stoff gebunden, kein Luftzug also, kein Gefälle, eher war es, als formierte sich ein neuer Raum, ein verändertes Allzeit-und- Überall. Ich kroch dumpf vor mich hin, oder sagen wir so: Amorphes Dasein krallte sich in Fels oder Fleisch, und es war doch (und bald immer von neuem und beglückend, wie ein grundloses Lachen): Ich."

Christian Lehnert, geboren 1969 in Dresden, ist Dichter und Theologe. Zurzeit leitet er das "Liturgiewissenschaftliche Institut" an der Universität Leipzig. Seine bislang sieben Gedichtbücher und ein Essay über Paulus erschienen im Suhrkamp Verlag. Im Jahr 2012 erhielt Lehnert den "Hölty-Preis" für sein lyrisches Gesamtwerk, 2016 den "Eichendorff -Literaturpreis".


Christian Lehnert: "Der Gott in einer Nuß.
Fliegende Blätter von Kult und Gebet"

Suhrkamp, 06.02.2017. 237 Seiten.
Buch bei amazon.de bestellen

Digitalbuch bei amazon.de bestellen

(Quelle: Information des Verlags.
Sämtliche Angaben ohne Gewähr.)