Kenah Cusanit: "Babel"

Buchvorstellung


Ein deutscher Archäologe und eine biblische Aufgabe - die Ausgrabung Babylons

1913, unweit von Bagdad. Der Archäologe Robert Koldewey leidet ohnehin schon genug unter den Ansichten seines Assistenten Buddensieg, nun quält ihn auch noch eine Blinddarmentzündung. Die Probleme sind menschlich, doch seine Aufgabe ist biblisch: die Ausgrabung Babylons.
Zwischen Orient und Okzident bahnt sich gerade ein Umbruch an, der die Welt bis in unsere Gegenwart hinein erschüttern wird. Wie ein Getriebener dokumentiert Koldewey deshalb die mesopotamischen Schätze am Euphrat; Stein für Stein legt er die Wiege der Zivilisation frei - und das Fundament des Abendlandes.
Kenah Cusanits erster Roman ist Abenteuer- und Zeitgeschichte zugleich - klangvoll, hinreißend, klug.

Kenah Cusanit, geboren 1979, lebt in Berlin. Für ihre Essays und Gedichte wurde die Altorientalistin und Ethnologin bereits mehrfach ausgezeichnet.

Leseprobe:
Es war ein mesopotamisches Gelb. Wie gemacht zum Davorstehen, Hinsehen, Aquarellieren - seine Lieblingsart, diese Gegend zu kartieren. Schlamm als Impression, Lehm, der sich durch das Wasser bewegte, indem er sich drehte.
Koldewey sah aus dem Fenster seines Arbeitszimmers, nirgendwo davorstehend, nichts kartierend. Er hatte sich hingelegt, auf seine Liege, die Teil der Fensterbank war, und beobachtete den Fluss, der an den Ruinen entlangfloss, zog an seiner Pfeife und sah ihn an, als hätte er noch nie einen Fluss angesehen, ohne dabei über etwas anderes, etwas Übergeordnetes nachzudenken: das Schiff, die Fahrt, das Ziel, die Reliefziegel Nebukadnezars, die Reliefziegel des Ischtartors, des Palastes, der Prozessionsstraße, die sich im Hof des Grabungshauses mehrere hundert Kisten hoch stapelten und die von Babylon den Euphrat hinunter über drei Kontinente nach Hamburg, die Elbe, die Havel, die Spree hinauf, bis zum Kupfergraben an den Steg der Berliner Museen zu transportieren waren.
Noch einmal: langsam Anschwemmendes, Angeschwemmtes. Ein paar Vögel am Ufer. Unter ihnen Schlamm, der aus Lehm bestand, aus Ruhe und Wasser. Das Haus bestand aus Lehmziegeln, die gebrannt waren, damit sie Feuchtigkeit und Wind und Sand standhielten. Damit die Wände sich nicht, nachdem sie witterungsbedingt allmählich zusammengefallen wären, wieder mit dem Boden verbanden und, wenn auch erst nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten, zurück in den Fluss glitten.
Sich mit Flüssen zu beschäftigen. Koldewey nahm Liebermeisters Grundriss der inneren Medizin, legte das Buch vorsorglich auf seinen Bauch, als könnte es auf diese Weise die Symptome lindern, und sah hinüber zur Tür und durch ihr Fliegengitter hindurch auf die Tarma, den von Holzsäulen flankierten Gang, über den man vom Hof aus, wie über eine Loggia, Koldeweys Zimmer im oberen Geschoss betrat. Wie weit mochte die Fliegengittertür entfernt sein: zwei, drei Meter? (...)


Kenah Cusanit: "Babel"
Hanser, 28.01.2019. 272 Seiten.
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(Quelle: Information des Verlags.)